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Version vom 26. September 2018, 00:32 Uhr

Otto Eggerstedt
Otto Eggerstedt
Geboren: 27. August 1886
Gestorben: 12. Oktober 1933

Otto Eggerstedt, * 27. August 1886 in Kiel, † 12. Oktober 1933 im KZ Esterwegen (Emsland) ermordet; Bäcker und Parteisekretär. SPD-Mitglied seit ca. 1904.[1]

Werdegang

Nach dem Abschluss der Mittelschule machte Otto Eggerstedt eine Bäckerlehre bei der Kieler Vereinsbäckerei. Während des Ersten Weltkrieges diente er als Soldat. Nach einer Zeit als Parteifunktionär wurde er 1927 in den preußischen Verwaltungsdienst berufen, ging im Polizeidienst nach Wandsbek und Altona, bevor er 1932 nach Kiel zurückkehrte.[2]

Arbeiter- und Matrosenaufstand

Im November 1918 schloss er sich dem Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand an und führte, unter den Vorsitzenden Gustav Noske und Gustav Garbe, von Februar bis Juli 1919 die Geschäfte des Arbeiter- und Soldatenrates von Groß-Kiel.

Neben etwa Gertrud Völcker, Toni Jensen, Willy Verdieck und Karl Ratz, die alle in dieser Zeit politisch aktiv wurden, stand vor allem Otto Eggerstedt für den Generationenwechsel in der Kieler SPD. Dies zeigte sich besonders in seiner heftigen Kritik an Gustav Noske. Während einer Parteikonferenz in Weimar etwa im Juni 1919 griff er Noske wegen seiner Nähe zum Offizierskorps frontal an:

"Noske sollte den Offizieren mehr auf die Finger sehen. (...) Wir verstehen auch nicht Noskes Ablehnung der Kontrollorgane aus dem Mannschaftsstande. (...) Sind denn die Offiziere, die sich ihm zur Verfügung stellten, zuverlässiger? Ich glaube sagen zu dürfen, daß er nicht sie, sondern sie ihn in der Hand haben (Beifall)."[3]

In derselben Rede forderte er im Namen der Arbeiterschaft vom Parteitag "Klärung und die Grundlage für eine zielbewußte Politik, auf der sich weiter arbeiten läßt", und regte an, mit der USPD Gespräche zur Beseitigung der Spaltung aufzunehmen.[4]

Kapp-Putsch

Im März 1920 gehörte Otto Eggerstedt zu denen, die sich in Kiel erfolgreich dem "Kapp-Lüttwitz-Putsch" entgegenstellten, einem Versuch rechtsgerichteter Kreise, der Republik den Garaus zu machen.

Parteifunktionär

Am 17. Juli 1919 übernahm er im Rahmen der Reform der schleswig-holsteinischen Landespartei das Amt des hauptamtlichen Parteisekretärs und gehörte ab 1920 dem Bezirksvorstand an. In der Kieler SPD löste er Friedrich Brodthuhn als Vorsitzender ab, bis er 1927 nach Wandsbek ging.[5] Nach seiner Rückkehr, vermutlich schon im Sommer 1932, widmete er sich wieder verstärkt der Arbeit für die Partei. Noch im Januar 1933 übernahm er erneut den Vorsitz der Kieler SPD.

Preußischer Staatsdienst

1927 wurde Otto Eggerstedt preußischer Beamter. Zunächst war er als Hilfsreferent im Polizeiamt Wandsbek eingesetzt, das damals noch zu Holstein gehörte, bevor er im April 1928 zu dessen Leiter und zum Regierungsrat befördert wurde. Mitte 1929 wurde ihm das Amt des Polizeipräsidenten von Altona übertragen.[6][7]

"Altonaer Blutsonntag"

In Otto Eggerstedts Amtszeit fiel der "Altonaer Blutsonntag" vom 17. Juli 1932. Bei Zusammenstößen zwischen NSDAP, KPD und Polizei in der Altonaer Altstadt gab es 18 Tote, zwei SA-Leute und 16 Anwohner. Eggerstedt wurde von den Beteiligten verantwortlich gemacht und diffamiert, weil er die Demonstration der SA durch einen mehrheitlich von Linken bewohnten Stadtteil genehmigt hatte. Er selbst hatte an diesem Tag Urlaub genommen, und auch sein Stellvertreter soll nicht vor Ort gewesen sein. Der Polizeieinsatz geriet offenbar außer Kontrolle. Die meisten Toten waren an der Demonstration unbeteiligt; sie kamen nach ihrem Ende ums Leben, unter anderem bei Haussuchungen.[8] Vier Kommunisten wurden als Täter hingerichtet, das Urteil und die Beweise erst viel später in Zweifel gezogen. Es gibt auch die Theorie, dass die Demonstration von Nazis und Reichsregierung vorsätzlich inszeniert wurde, um den "Preußenputsch" umsetzen zu können.[9]

Reichskanzler von Papen nutzte die Ereignisse denn auch, um am 20. Juli 1932 gegen Recht und Gesetz die sozialdemokratische Regierung in Preußen abzusetzen ("Preußenputsch"). Otto Eggerstedt wurde am 21. Juli 1932 in den einstweiligen Ruhestand geschickt. Ein Dienststrafverfahren wurde später eingestellt, jedoch hatten inzwischen die Nazis die Macht übernommen und ihn endgültig entlassen.[10]

Abgeordneter

Von 1919 bis 1924 war Otto Eggerstedt Stadtverordneter in Kiel. Vom 7. März 1921 bis Frühjahr 1933 gehörte er dem Reichstag an, zunächst als Nachrücker für Albert Billian[11], später immer als direkt gewählter Abgeordneter im Wahlkreis 14 (Schleswig-Holstein).

Wohnhaus von Otto Eggerstedt in Kiel, Eichhofstr. 12


Er vertrat im Reichstag für seine Partei den Reichswehr- und den Marine-Etat.[12]

Otto Eggerstedt stimmte am 23. März 1933 zusammen mit 93 anderen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten gegen das "Ermächtigungsgesetz", dass Hitler den Weg in die Diktatur bahnte.[13]

Nationalsozialismus

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten beteiligte sich Otto Eggerstedt am Widerstand; so hielt er nach der Ermordung des SPD-Stadtverordneten und Rechtsanwalts Wilhelm Spiegel durch SA-Leute auf dem Friedhof Eichhof eine mutige Trauerrede.[14] Mehrere tausend Menschen säumten zum Trauerzug die Eichhofstraße und demonstrierten schweigend gegen die neuen Machthaber.

Danach musste Eggerstedt, der den Nazis verhasst war, untertauchen; es wurde gegen ihn ermittelt. Schon am 25. Mai 1933, noch vor dem Verbot seiner Partei, wurde er bei Lütjensee (Kreis Stormarn) auf Grund einer Denunziation verhaftet[15] und in "Schutzhaft" genommen. Richard Hansen war mittlerweile nach Dänemark geflüchtet.

"Von hier aus organisierte er mit finanzieller Unterstützung dänischer Sozialdemokraten einen Fluchtversuch für Otto Eggerstedt. Ein Krankenhausaufenthalt sollte für die Befreiung genutzt werden. Der Plan war bereits abgesprochen und der Tag der Flucht vereinbart. Eine Anzeige aus dem engsten Familienkreis machte alles zunichte - ein Verrat mit tödlichen Folgen, wie sich wenig später herausstellte. Direkt aus dem Altonaer Krankenhaus erfolgte am 12. August 1933 Eggerstedts Überstellung in das KZ Esterwegen."[16]

Dort wurde er nach offizieller Mitteilung am 12. Oktober 1933 "auf der Flucht erschossen", wie Toni Jensen, die während seiner Haft Kontakt zu ihm gehalten hatte, später berichtete. Max Kukil zitierte in seinem Artikel zu Eggerstedts 25. Todestag ein Schreiben vom 11. August 1933 des Nazi-Polizeipräsidenten von Altona an die Verwaltung der Staatlichen Konzentrationslager in Papenburg, in dem "auf Eggerstedt ganz besonders hingewiesen" wurde:

"Unter den Schutzhäftlingen, die auf Anordnung des Herrn Regierungspräsidenten in Schleswig-Holstein am 12. August der Verwaltungsdirektion zugeführt wurden, befindet sich auch der frühere Polizeipräsident von Altona, Eggerstedt. Eggerstedt ist - abgesehen von seiner früheren amtlichen Stellung als Polizeipräsident - führend in der sozialdemokratischen Bewegung - besonders in Schleswig-Holstein - tätig gewesen. Er hat durch persönliche Agitation in der ganzen Provinz die sozialdemokratischen Interessen mit besonderem Nachdruck gefördert und sein Amt als Polizeipräsident als Exponent seiner Partei verwaltet. Er war ein besonders verbissener und listiger Sozialdemokrat, der in engsten Beziehungen zu dem Minister Severing gestanden hat. Eggerstedt hat vor seiner Verhaftung die Absicht gehabt, nach Dänemark zu entfliehen. Sein Auto ist jedoch angehalten worden. Als er während seiner Schutzhaft krank wurde und in das Krankenhaus eingeliefert werden mußte, haben ihm Freunde, darunter, wie es scheint, eine dänische Sozialistin, zur Flucht verhelfen wollen. Er wird besonders sorgfältig bewacht werden müssen."

Kukil beschreibt dann, so weit ihm - vermutlich aus dem Prozess gegen den Mörder Groten - bekannt, den Hergang der Tat:

"Mit diesem Schreiben war der Mord an Otto Eggerstedt beschlossen. Der Nachmittag am Sonnabend, dem 12. Oktober, war für die Häftlinge dienstfrei. Gegen alle sonstigen Geflogenheiten [sic!] mußten die Häftlinge plötzlich antreten. Auf die Anwesenheit von Eggerstedt wurde durch die SS-Mannschaften besonderer Wert gelegt. Die Häftlinge marschierten unter der Aufsicht der SS nach einem in der Nähe des Lagers gelegenen Waldstück, um dort gefällte Baumstämme nach dem Lager zu bringen. Eggerstedt wurde beim Tragen eines solchen Baumstammes durch den SS-Scharführer Theodor Groten aus Aachen erschossen. Ein weiterer SS-Mann gab auf den am Boden liegenden Schwerverletzten einen zweiten Schuss aus der Pistole ab."[17]

Wo Otto Eggerstedt begraben liegt, ist unbekannt. Der SS-Mann Groten wurde 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt, kam aber 1963 auf Bewährung frei. Der andere Mörder starb vermutlich im 2. Weltkrieg und wurde 1955 für tot erklärt.

Ehrungen

Anlässlich seines 60. Geburtstages schrieb die VZ 1946, möglicherweise ein wenig idealisierend:

"Unermüdlich vertrat er [im Reichstag] die Interessen seiner Vaterstadt Kiel, und ohne sich zu schonen, reiste er in Schleswig-Holstein von Ort zu Ort, um für die Sache der Demokratie zu kämpfen. Ueberall kannte und liebte man den schmächtigen Mann mit dem roten Schopf, der zwar nicht mit starker Stimme den Raum zu füllen vermochte, dessen Humor und Schlagfertigkeit aber seine Gegner entwaffnete. [...]
Von starker nationaler Gesinnung getragen, wurde er von seinen Gegnern oft als militanter Sozialist bezeichnet. Er war in seinen eigenen Reihen nicht unumstritten, denn er war eine eigenwillige Persönlichkeit, die es sich selbst und andern nicht bequem machte. Aber seine großen Fähigkeiten veranlaßten den damaligen preußischen Innenminister Greszinsky [sic], ihn zum Polizeipräsidenten von Altona zu ernennen. Seine feste Haltung den Nationalsozialisten gegenüber trug ihm die Todfeindschaft dieser Kreise ein. Seine Freunde rieten ihm 1933, in die Emigration zu gehen. Er lehnte ab, weil er mit vielen Sozialdemokraten damals noch an die Möglichkeit glaubte, gegen Hitler arbeiten zu können."[18]
Stolperstein Otto Eggerstedt

In der Kieler Innenstadt ist seit 18. März 1965 eine Straße nach Otto Eggerstedt benannt. Diese soll jedoch beim Neubau des sog. "Schlossquartiers" wegfallen oder weitgehend wegfallen.[19] Bisher gibt es nur eine inoffizielle Absichtserklärung aus der Politik, als Ersatz nach Möglichkeit innerhalb der neuen Bebauung einen "Otto-Eggerstedt-Platz" auszuweisen.

In Hamburg-Altona gibt es bereits seit 1951 eine Eggerstedtstraße.[20] Dagegen trägt die 1939 von der Wehrmacht in Betrieb genommene und bis 2003 bestehende Eggerstedt-Kaserne in Pinneberg - anders als bei Wikipedia behauptet[21] - ihren Namen nicht nach ihm, sondern nach einem alten Ortsnamen.[22]

Seit dem 26. Februar 1992 erinnern in Berlin vor dem Reichstag 96 Gedenktafeln an von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete; eine davon ist Otto Eggerstedt gewidmet.

Am 12. August 2007, dem Jahrestag seiner Einlieferung ins KZ, wurde vor dem Haus Eichhofstraße 12 ein Stolperstein für Otto Eggerstedt verlegt[23]

Literatur

  • Arbeitskreis Asche-Prozess (Hrsg.): Kiel. Antifaschistische Stadtrundfahrt. Begleitheft (Kiel 1983)
  • Eckhard Colmorgen: Biografie zum Stolperstein von Otto Eggerstedt
  • Irene Dittrich: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstands und der Verfolgung 1933-1945, Band 7: Schleswig-Hostein I – Nördlicher Landesteil (Frankfurt/Main 1993)
  • Rolf Fischer: "Mit uns die neue Zeit!" Kiels Sozialdemokratie im Kaiserreich und in der Revolution (Geschichte der Kieler Sozialdemokratie Band 2, 1900-1920) (Kiel 2013) ISBN 978-3-86935-196-4
  • Wolfgang Kopitzsch: Otto Eggerstedt. In: Hans-F. Rothert (Hrsg.): Kieler Lebensläufe aus sechs Jahrhunderten (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 55, Neumünster 2006), S. 75-77
  • Wolfgang Kopitzsch: Otto Eggerstedt. In: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 447-449
  • Max Kukil: Wir gedenken Otto Eggerstedt's, Sozialdemokratischer Pressedienst, H. 232, 11.10.1958, S. 4
  • Franz Osterroth: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o.J.[1963])
  • Rainer Paetau/Wolfgang Kopitzsch/G. Stahr: Die Ermordung des Reichstagsabgeordneten Otto Eggerstedt im Spiegel der Justizurteile von 1949/50. Geschuldete Erinnerung. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 199 (1994), S. 195-259
  • Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus (Düsseldorf 1991)
  • Staatsarchiv Hamburg 331-8, Personalakte 199
  • Volker Ullrich: Der "Altonaer Blutsonntag": Krieg gegen die "Roten", DIE ZEIT, 21.10.1994

Links

Quellen

  1. Martens: Otto Eggerstedt
  2. Martens: Otto Eggerstedt
  3. So zitiert bei Fischer: "Mit uns die neue Zeit!", S. 195, der vermutet: "eine Abrechnung, die in dieser Deutlichkeit wohl von keinem der altvorderen Parteifunktionäre geäußert worden wäre".
  4. Fischer: "Mit uns die neue Zeit!", S. 195 f.
  5. Fischer: "Mit uns die neue Zeit!", S. 195
  6. StAH 331-8 199
  7. Vgl. Kukil: Wir gedenken Otto Eggerstedt's
  8. Vgl. Wikipedia: Altonaer Blutsonntag, abgerufen am 27.3.2016
  9. Dirk Gerhardt: Die Lüge von den Heckenschützen, spiegel online, 13.7.2012
  10. Martens: Otto Eggerstedt
  11. Kukil: Wir gedenken Otto Eggerstedt's, schreibt Carl Legien, ein vermutlich durch Billians kurze Zeit als Abgeordneter (1920-21) verursachter Irrtum.
  12. Otto Eggerstedt zum Gedächtnis, VZ, 28.8.1946
  13. Otto Wels - Mut und Verpflichtung Hrsg. SPD-Bundestagsfraktion, 2. Auflage Juli 2008
  14. Martens: Otto Eggerstedt
  15. Martens: Otto Eggerstedt. Kukil: Wir gedenken Otto Eggerstedt's scheint zu sagen, seine Verhaftung habe im Polizeipräsidium stattgefunden. Diese Darstellung ergibt keinen Sinn, denn er war ja entlassen. Auch aus dem von Kukil zitierten Schreiben (s.u.) wird klar, dass er auf der Flucht oder zumindest während einer Autofahrt verhaftet wurde.
  16. Martens: Otto Eggerstedt
  17. Kukil: Wir gedenken Otto Eggerstedt's
  18. Otto Eggerstedt zum Gedächtnis, VZ, 28.8.1946
  19. Kieler Nachrichten 21.3.2013, 6.1.2014
  20. Martens: Otto Eggerstedt
  21. Wikipedia
  22. Vgl. Johannes Seifert: Der Bau der Pinneberger Kaserne. In: VHS-Geschichtswerkstatt: Pinneberg – Historische Streiflichter (Pinneberg 2003), S. 210-213
  23. Colmorgen: Biografie zum Stolperstein