Stephan Heinzel: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Stephan Heinzel''', (geb. 3. September 1841 in Tschechen (Cechyne)/Mähren; gest. 23. November 1899 in Kiel), von Beruf Schneider, Agitator für Ferdinand Lassalles ''Allgemeinen deutschen Arbeiterverein'' (ADAV), lebte seit 1870 oder 1871 in Kiel. Nach dem Zusammenschluss von ADAV und der ''Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands'' (SDAP) 1875 zur ''Sozialistischen Arbeiterpartei'' (SAP) wurde Heinzel zwischen 1878 und 1887 mehrfach als ihr Kandidat für den Reichstag aufgestellt, erreichte jedoch trotz guter Erfolge auf Grund des geltenden Wahlrechts und später auch der Repressionen unter dem Bismarckschen "Sozialistengesetz" nie die Stimmenmehrheit.  
 
'''Stephan Heinzel''', (geb. 3. September 1841 in Tschechen (Cechyne)/Mähren; gest. 23. November 1899 in Kiel), von Beruf Schneider, Agitator für Ferdinand Lassalles ''Allgemeinen deutschen Arbeiterverein'' (ADAV), lebte seit 1870 oder 1871 in Kiel. Nach dem Zusammenschluss von ADAV und der ''Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands'' (SDAP) 1875 zur ''Sozialistischen Arbeiterpartei'' (SAP) wurde Heinzel zwischen 1878 und 1887 mehrfach als ihr Kandidat für den Reichstag aufgestellt, erreichte jedoch trotz guter Erfolge auf Grund des geltenden Wahlrechts und später auch der Repressionen unter dem Bismarckschen "Sozialistengesetz" nie die Stimmenmehrheit.  
  
Auch seine Kandidatur zur Stadtverordnetenversammlung 1877 war nicht erfolgreich. Weitere Kandidaturen im kommunalen Bereich waren bis 1890 wegen des "Sozialistengesetzes" unmöglich. Erst im November 1890 wurde Stephan Heinzel, der sich entschieden für die Beteiligung der Sozialdemokraten an Kommunalwahlen eingesetzt hatte, zusammen mit dem Maurer Friedrich Brodthuhn überraschend in die Stadtverordnetenvertretung gewählt.  
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Auch seine Kandidatur zur Stadtverordnetenversammlung 1877 war nicht erfolgreich. Weitere Kandidaturen im kommunalen Bereich waren bis 1890 wegen des "Sozialistengesetzes" unmöglich. Erst im November 1890 wurde Stephan Heinzel, der sich entschieden für die Beteiligung der Sozialdemokraten an Kommunalwahlen eingesetzt hatte, zusammen mit dem Maurer [[Friedrich Brodthuhn]] überraschend in die Stadtverordnetenvertretung gewählt.  
  
Als 1877 die SAP eine Genossenschaft zur Herausgabe der neuen [[Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung]] gründete, wählte sie Stephan Heinzel zum 1. Vorsitzenden, ebenso beim "Kieler Volksverein", der offiziell der Bildung der Arbeiter dienen sollte. Beide Gründungen sind jedoch als Reaktion auf das "Sozialistengesetz" und als Sicherung der weiteren politischen Arbeit zu sehen.<ref>Fischer, S. 52</ref>  
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Als 1877 die SAP eine Genossenschaft zur Herausgabe der neuen [[Schleswig-Holsteinische Volkszeitung|Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung]] gründete, wählte sie Stephan Heinzel zum 1. Vorsitzenden, ebenso beim "Kieler Volksverein", der offiziell der Bildung der Arbeiter dienen sollte. Beide Gründungen sind jedoch als Reaktion auf das "Sozialistengesetz" und als Sicherung der weiteren politischen Arbeit zu sehen.<ref>Fischer, S. 52</ref>  
  
 
Die Volkszeitung wurde schon im folgenden Jahr unter dem Sozialistengesetz wieder verboten und erst 1893 wiederbegründet. Eine legale politische Arbeit war kaum noch möglich. Die Kieler Partei organisierte ihre verdeckte Arbeit über zwölf städtische Bezirke, die die sogenannte "Exekutive", die Gesamtleitung für Kiel, bestimmten. Auch zu deren Leiter wurde Stephan Heinzel gewählt. Künftig lief die Arbeit in "kleinen, für die Polizei nicht erkennbaren Gruppen in Privatwohnungen; als Lesezirkel, Kartenspieler und Sonntagsspaziergänger getarnt,"<ref>Fischer, S. 58</ref>  eine Taktik, an die fünfzig Jahre später die [[Juso 22]] nach dem Verbot der SPD durch die Nationalsozialisten wieder anknüpften.
 
Die Volkszeitung wurde schon im folgenden Jahr unter dem Sozialistengesetz wieder verboten und erst 1893 wiederbegründet. Eine legale politische Arbeit war kaum noch möglich. Die Kieler Partei organisierte ihre verdeckte Arbeit über zwölf städtische Bezirke, die die sogenannte "Exekutive", die Gesamtleitung für Kiel, bestimmten. Auch zu deren Leiter wurde Stephan Heinzel gewählt. Künftig lief die Arbeit in "kleinen, für die Polizei nicht erkennbaren Gruppen in Privatwohnungen; als Lesezirkel, Kartenspieler und Sonntagsspaziergänger getarnt,"<ref>Fischer, S. 58</ref>  eine Taktik, an die fünfzig Jahre später die [[Juso 22]] nach dem Verbot der SPD durch die Nationalsozialisten wieder anknüpften.
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Stephan Heinzel stand als führender Sozialdemokrat Kiels unter ständiger (geheim)polizeilicher Beobachtung. Mehrfach wurde er angezeigt, verhaftet oder musste Haussuchungen erdulden. Meist konnten jedoch keine Belege für "illegale" Arbeit gefunden werden. Seine Verhaftung bei der Rückkehr vom internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen im März/April 1883 führte jedoch zu einem Prozess. Er wurde zusammen mit August Bebel und sieben anderen Parteivertretern 1885 angeklagt und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Da den Angeklagten keine Zugehörigkeit zu einem verbotenen Geheimbund nachgewiesen werden konnte, wurde von der Verteilung sozialistischer Druckschriften auf die Existenz eines solchen Geheimbundes geschlossen, was dann eine Verurteilung möglich machte. "Damit war neues Recht geschaffen worden."<ref>Fischer, S. 72 ff.</ref>   
 
Stephan Heinzel stand als führender Sozialdemokrat Kiels unter ständiger (geheim)polizeilicher Beobachtung. Mehrfach wurde er angezeigt, verhaftet oder musste Haussuchungen erdulden. Meist konnten jedoch keine Belege für "illegale" Arbeit gefunden werden. Seine Verhaftung bei der Rückkehr vom internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen im März/April 1883 führte jedoch zu einem Prozess. Er wurde zusammen mit August Bebel und sieben anderen Parteivertretern 1885 angeklagt und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Da den Angeklagten keine Zugehörigkeit zu einem verbotenen Geheimbund nachgewiesen werden konnte, wurde von der Verteilung sozialistischer Druckschriften auf die Existenz eines solchen Geheimbundes geschlossen, was dann eine Verurteilung möglich machte. "Damit war neues Recht geschaffen worden."<ref>Fischer, S. 72 ff.</ref>   
  
Stadtverordneter war Stephan Heinzel von 1890 bis 1897, eine Legislaturperiode lang. In dieser Zeit musste er erleben, wie sein Kollege Friedrich Brodthuhn durch eine Erhöhung des Zensus - des Einkommens, ab dem man über das aktive und passive Wahlrecht verfügte - seinen Sitz als Stadtverordneter verlor; mit ihm verloren ca. 5000 Kieler durch diese Änderung ihr Wahlrecht. Als Konsequenz verzichteten die Sozialdemokraten zunächst wieder auf die Beteiligung an Kommunalwahlen. Ein Angebot der bürgerlichen Fraktion im Rathaus, in der nächsten Legislaturperiode eines ihrer Mandate wahrzunehmen, zeigt die Wertschätzung, die Stephan Heinzel persönlich genoss. Er lehnte jedoch ab und trat politisch kaum noch in Erscheinung. Ende der 1890er Jahre erkrankte er an Krebs und starb im November 1899.  
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Stadtverordneter war Stephan Heinzel von 1890 bis 1897, eine Legislaturperiode lang. In dieser Zeit musste er erleben, wie sein Kollege Friedrich Brodthuhn durch eine Erhöhung des Zensus - des Einkommens, ab dem man über das aktive und passive Wahlrecht verfügte - seinen Sitz als Stadtverordneter verlor; der gleiche Verlust traf durch diese Änderung ca. 5000 weitere Kieler. Als Konsequenz verzichteten die Sozialdemokraten zunächst wieder auf die Beteiligung an Kommunalwahlen. Ein Angebot der bürgerlichen Fraktion im Rathaus, in der nächsten Legislaturperiode eines ihrer Mandate wahrzunehmen, zeigt die Wertschätzung, die Stephan Heinzel persönlich genoss. Er lehnte jedoch ab und trat politisch kaum noch in Erscheinung. Ende der 1890er Jahre erkrankte er an Krebs und starb im November 1899.  
  
 
Ein Erbe des Gedankengutes von Ferdinand Lassalle war Stephan Heinzels Ablehnung von Konsumvereinen, durch die "der Klassenkampfcharakter der Partei großen Schaden erleiden würde"<ref>Sozialdemokratischer Parteitag 1927, zit. bei Fischer, S. 78</ref>. Er wandte sich vehement gegen die Gründung einer Genossenschaft, der "Vereinsbäckerei", die 1889 von Kieler Arbeitern ins Leben gerufen wurde und den Kern des späteren [[Kieler Konsum]] bildete.  
 
Ein Erbe des Gedankengutes von Ferdinand Lassalle war Stephan Heinzels Ablehnung von Konsumvereinen, durch die "der Klassenkampfcharakter der Partei großen Schaden erleiden würde"<ref>Sozialdemokratischer Parteitag 1927, zit. bei Fischer, S. 78</ref>. Er wandte sich vehement gegen die Gründung einer Genossenschaft, der "Vereinsbäckerei", die 1889 von Kieler Arbeitern ins Leben gerufen wurde und den Kern des späteren [[Kieler Konsum]] bildete.  
  
Der [[Kreisverband Kiel]] sieht sich in der Tradition Stephan Heinzels, der "die Sozialdemokratie und die demokratische Entwicklung der Fördestadt entscheidend mitgestaltet" habe.<ref>Fischer, S. 11</ref> Dabei gab es eine ausdrücklich so benannte Sozialdemokratische Partei in Kiel erst seit etwa 1890. Ihre Vorsitzenden waren bis 1907 Christian Haase, Wilhelm Brecour, Daniel Rindfleisch und Edmund Söhnker.  
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Der [[Kreisverband Kiel]] sieht sich insgesamt in der Tradition Stephan Heinzels, der "die Sozialdemokratie und die demokratische Entwicklung der Fördestadt entscheidend mitgestaltet" habe.<ref>Fischer, S. 11</ref> Dabei gab es eine ausdrücklich so benannte Sozialdemokratische Partei in Kiel erst seit etwa 1890. Ihre Vorsitzenden waren bis 1907 [[Christian Haase]], [[Wilhelm Brecour]], [[Daniel Rindfleisch]] und [[Edmund Söhnker]].  
  
 
== Literatur ==
 
== Literatur ==

Version vom 3. September 2011, 01:34 Uhr

Stephan Heinzel, (geb. 3. September 1841 in Tschechen (Cechyne)/Mähren; gest. 23. November 1899 in Kiel), von Beruf Schneider, Agitator für Ferdinand Lassalles Allgemeinen deutschen Arbeiterverein (ADAV), lebte seit 1870 oder 1871 in Kiel. Nach dem Zusammenschluss von ADAV und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP) 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) wurde Heinzel zwischen 1878 und 1887 mehrfach als ihr Kandidat für den Reichstag aufgestellt, erreichte jedoch trotz guter Erfolge auf Grund des geltenden Wahlrechts und später auch der Repressionen unter dem Bismarckschen "Sozialistengesetz" nie die Stimmenmehrheit.

Auch seine Kandidatur zur Stadtverordnetenversammlung 1877 war nicht erfolgreich. Weitere Kandidaturen im kommunalen Bereich waren bis 1890 wegen des "Sozialistengesetzes" unmöglich. Erst im November 1890 wurde Stephan Heinzel, der sich entschieden für die Beteiligung der Sozialdemokraten an Kommunalwahlen eingesetzt hatte, zusammen mit dem Maurer Friedrich Brodthuhn überraschend in die Stadtverordnetenvertretung gewählt.

Als 1877 die SAP eine Genossenschaft zur Herausgabe der neuen Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung gründete, wählte sie Stephan Heinzel zum 1. Vorsitzenden, ebenso beim "Kieler Volksverein", der offiziell der Bildung der Arbeiter dienen sollte. Beide Gründungen sind jedoch als Reaktion auf das "Sozialistengesetz" und als Sicherung der weiteren politischen Arbeit zu sehen.[1]

Die Volkszeitung wurde schon im folgenden Jahr unter dem Sozialistengesetz wieder verboten und erst 1893 wiederbegründet. Eine legale politische Arbeit war kaum noch möglich. Die Kieler Partei organisierte ihre verdeckte Arbeit über zwölf städtische Bezirke, die die sogenannte "Exekutive", die Gesamtleitung für Kiel, bestimmten. Auch zu deren Leiter wurde Stephan Heinzel gewählt. Künftig lief die Arbeit in "kleinen, für die Polizei nicht erkennbaren Gruppen in Privatwohnungen; als Lesezirkel, Kartenspieler und Sonntagsspaziergänger getarnt,"[2] eine Taktik, an die fünfzig Jahre später die Juso 22 nach dem Verbot der SPD durch die Nationalsozialisten wieder anknüpften.

Stephan Heinzel stand als führender Sozialdemokrat Kiels unter ständiger (geheim)polizeilicher Beobachtung. Mehrfach wurde er angezeigt, verhaftet oder musste Haussuchungen erdulden. Meist konnten jedoch keine Belege für "illegale" Arbeit gefunden werden. Seine Verhaftung bei der Rückkehr vom internationalen Sozialistenkongress in Kopenhagen im März/April 1883 führte jedoch zu einem Prozess. Er wurde zusammen mit August Bebel und sieben anderen Parteivertretern 1885 angeklagt und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Da den Angeklagten keine Zugehörigkeit zu einem verbotenen Geheimbund nachgewiesen werden konnte, wurde von der Verteilung sozialistischer Druckschriften auf die Existenz eines solchen Geheimbundes geschlossen, was dann eine Verurteilung möglich machte. "Damit war neues Recht geschaffen worden."[3]

Stadtverordneter war Stephan Heinzel von 1890 bis 1897, eine Legislaturperiode lang. In dieser Zeit musste er erleben, wie sein Kollege Friedrich Brodthuhn durch eine Erhöhung des Zensus - des Einkommens, ab dem man über das aktive und passive Wahlrecht verfügte - seinen Sitz als Stadtverordneter verlor; der gleiche Verlust traf durch diese Änderung ca. 5000 weitere Kieler. Als Konsequenz verzichteten die Sozialdemokraten zunächst wieder auf die Beteiligung an Kommunalwahlen. Ein Angebot der bürgerlichen Fraktion im Rathaus, in der nächsten Legislaturperiode eines ihrer Mandate wahrzunehmen, zeigt die Wertschätzung, die Stephan Heinzel persönlich genoss. Er lehnte jedoch ab und trat politisch kaum noch in Erscheinung. Ende der 1890er Jahre erkrankte er an Krebs und starb im November 1899.

Ein Erbe des Gedankengutes von Ferdinand Lassalle war Stephan Heinzels Ablehnung von Konsumvereinen, durch die "der Klassenkampfcharakter der Partei großen Schaden erleiden würde"[4]. Er wandte sich vehement gegen die Gründung einer Genossenschaft, der "Vereinsbäckerei", die 1889 von Kieler Arbeitern ins Leben gerufen wurde und den Kern des späteren Kieler Konsum bildete.

Der Kreisverband Kiel sieht sich insgesamt in der Tradition Stephan Heinzels, der "die Sozialdemokratie und die demokratische Entwicklung der Fördestadt entscheidend mitgestaltet" habe.[5] Dabei gab es eine ausdrücklich so benannte Sozialdemokratische Partei in Kiel erst seit etwa 1890. Ihre Vorsitzenden waren bis 1907 Christian Haase, Wilhelm Brecour, Daniel Rindfleisch und Edmund Söhnker.

Literatur

  • Rolf Fischer: "Der Bahn, der kühnen, folgen wir …" Stephan Heinzel und der Aufstieg der Kieler SPD (Geschichte der Kieler Sozialdemokratie, Band I: 1863 – 1900) (Malente 2010)

Quellen

  1. Fischer, S. 52
  2. Fischer, S. 58
  3. Fischer, S. 72 ff.
  4. Sozialdemokratischer Parteitag 1927, zit. bei Fischer, S. 78
  5. Fischer, S. 11