Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand: Unterschied zwischen den Versionen
| Zeile 18: | Zeile 18: | ||
Als Reaktion auf die Toten vom Vortag rebellieren weitere Teile von Marine und Heer, Werftarbeiter legen die Arbeit nieder. Die Matrosen bewaffnen sich und übernehmen die Macht in der Stadt. Sie bilden einen Soldatenrat und machen [[Karl Artelt]] zu dessen Sprecher. Die Arbeiter beschließen zur Unterstützung für den nächsten Tag den Generalstreik. Gouverneur Wilhelm Souchon war seit Beginn des Kriegs militärisches und zivilies Oberhaupt von Kiel. Er erkennt die Ausmaße der Revolte und forderte Hilfe - unter anderem durch einen "hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten" - aus Berlin an. | Als Reaktion auf die Toten vom Vortag rebellieren weitere Teile von Marine und Heer, Werftarbeiter legen die Arbeit nieder. Die Matrosen bewaffnen sich und übernehmen die Macht in der Stadt. Sie bilden einen Soldatenrat und machen [[Karl Artelt]] zu dessen Sprecher. Die Arbeiter beschließen zur Unterstützung für den nächsten Tag den Generalstreik. Gouverneur Wilhelm Souchon war seit Beginn des Kriegs militärisches und zivilies Oberhaupt von Kiel. Er erkennt die Ausmaße der Revolte und forderte Hilfe - unter anderem durch einen "hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten" - aus Berlin an. | ||
Am Abend trifft daraufhin der MSPD-Militärexperte [[Gustav Noske]] in Kiel an und wird von den Aufständischen jubelnd am Bahnhof empfangen.<ref>Wette, Wolfram: ''Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918'' (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7</ref> | Am Abend trifft daraufhin der MSPD-Militärexperte [[Gustav Noske]] in Kiel an und wird von den Aufständischen jubelnd am Bahnhof empfangen.<ref>Wette, Wolfram: ''Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918'' (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7</ref> Die vorwiegend sozialdemokratischen Matrosen wählen Gustav Noske an die Spitze des Soldatenrates. | ||
== 5. November == | == 5. November == | ||
Version vom 1. Dezember 2016, 22:11 Uhr
Der Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand, der am 3. November 1918 begann, entwickelte sich in den folgenden Tagen zur Novemberrevolution, die zum Ende des Kaiserreiches und zur Einführung der ersten Demokratie in Deutschland führte.
Vorgeschichte
Seit 1914 war Deutschland im Ersten Weltkrieg. Über die unterschiedliche Haltung dazu, war die SPD 1917 in die Mehrheits SPD (MSPD) und die Unabhängige SPD (USPD) zerbrochen.
Hunderttausende starben im Krieg und die Versorgung mit Lebensmitteln in der Heimat wurde immer schlechter. Ab 1916 wurde immer wieder gegen den Krieg gestreikt. Ende 1917 kam es zur sozialistischen Revolution in Russland. Im September 1918 erkannte die deutsche Militärführung die Lage aus aussichtslos. Die Regierung ersuchte Anfang Oktober 1918 die Alliierten um einen Waffenstillstand. Eigenmächtig plante die Marineführung eine Selbstmordschlacht gegen die britische Marine. Als sich diese Pläne Ende Oktober bei den Matrosen in Wilhelmshaven herumsprach, meuterten sie. Um die Meuterei unter Kontrolle zu bringen, wurde der Teil der Flotte von Wilhelmshaven am 31. Oktober nach Kiel verlegt, in dem die Meuterei am stärksten gewesen ist. Damit wurde die Revolte nach Kiel importiert[1].
Kiel war sei 1871 Reichskriegshafen und von 30.000 Einwohner auf 243.000 im Jahr 1918 angewachsen. 50.000 davon waren Militär. Die Hälfte der Wahlberechtigten wählte SPD. Tausende waren als Arbeiter in Gewerkschaften organisiert. Bereits bei den Streiks 1917 waren 17.000-26.000 Menschen in Kiel auf die Straße gegangen. Im Januar 1918 hatten 30.000 Arbeiter für Friedensverhandlungen in Kiel demonstriert. Der Boden für einen Aufstand war bereitet.[2]
1. November
In Kiel angekommen kontaktieren die Matrosen aus Wilhelmshaven andere Truppenteile, Gewerkschaften und Politiker der MSPD und der USPD. Gemeinsam rufen sie zu einer Demonstration am 3. November auf.
2. November
3. November
An der Demonstration auf dem Exerzierplatz im Viehburger Gehölz nehmen 5000-6000 Menschen, hauptsächlich Matrosen teil. Redner war unter anderem der Oberheizer Karl Artelt und der Kieler Gewerkschafter Gustav Garbe.[3] Der Protestmarsch setzt sich in Bewegung Richtung Gefängnis in der Feldstraße. Die Militärführung wollte den Marsch stoppen und gab den Schießbefehl: Sieben Tote und 19 Verletzte an der Ecke Karlstraße, Ecke Brunswiker Straße waren das Ergebnis[4]. Die Kieler waren empört und solidarisierten sich.
4. November
Als Reaktion auf die Toten vom Vortag rebellieren weitere Teile von Marine und Heer, Werftarbeiter legen die Arbeit nieder. Die Matrosen bewaffnen sich und übernehmen die Macht in der Stadt. Sie bilden einen Soldatenrat und machen Karl Artelt zu dessen Sprecher. Die Arbeiter beschließen zur Unterstützung für den nächsten Tag den Generalstreik. Gouverneur Wilhelm Souchon war seit Beginn des Kriegs militärisches und zivilies Oberhaupt von Kiel. Er erkennt die Ausmaße der Revolte und forderte Hilfe - unter anderem durch einen "hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten" - aus Berlin an.
Am Abend trifft daraufhin der MSPD-Militärexperte Gustav Noske in Kiel an und wird von den Aufständischen jubelnd am Bahnhof empfangen.[5] Die vorwiegend sozialdemokratischen Matrosen wählen Gustav Noske an die Spitze des Soldatenrates.
5. November
6. November
7. November
Gustav Noske übernimmt den Posten des Gouverneurs - der damit das erste Mal von einem Zivilisten besetzt ist. Der bisherige Gouverneur Wilhelm Souchon übergibt das Amt und teilt dem Reichsmarineamt in einem Telegramm mit, dass dieser Zug die einzige Möglichkeit ist, Ruhe in den Aufstand zu bringen.[6]
8. November
9. November
Am 9. November 1918 ruft Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus - Das Ende des Kaiserreichs und der Beginn der Weimarer Republik.
Gedenken
95 Jahre später, am 1. November 2013, wurde von der Landeshauptstadt Kiel auf dem Platz der Kieler Matrosen vor dem Kieler Hauptbahnhof eine Stele zur Erinnerung an dieses Ereignis enthüllt. Der Text lautet:

- "Das Ende des Deutschen Kaiserreiches im November 1918 nahm seinen Anfang in Kiel. Obwohl Deutschland den Ersten Weltkrieg bereits verloren hatte, sollte die Hochseeflotte im Oktober noch einmal in einen aussichtslosen Kampf geschickt werden. Teile der Besatzungen leisteten dagegen Widerstand. Was in Wilhelmshaven als Meuterei begann, wurde in Kiel zu einem breiten Aufstand. Hier verbündeten sich die aufständischen Matrosen mit der organisierten Arbeiterschaft.
- Am 3. November marschierte ein bewaffneter Zug mit mehr als 5.000 Demonstranten durch Kiel. Am Bahnhof gab es ein erstes Todesopfer. An der Brunswiker Straße kam es zu einer Schießerei mit sieben Toten und 29 Verletzten. Das Blutvergießen führte zu einer breiten politischen Massenbewegung. Es wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet, der revolutionäre Forderungen formulierte. Am 9. November erfasste die Revolution Berlin. Kaiser Wilhelm II. musste abdanken und der SPD-Politiker Philipp Scheidemann proklamierte die Geburt der Deutschen Republik, allgemein bekannt als die 'Weimarer Republik'."
Das dazu gezeigte Foto hat sich mittlerweile als aus Berlin stammend herausgestellt, wenn auch Einheiten aus Kiel zu sehen sind.
Bei der deutschen Bezeichnung wurde säuberlich vermieden, anzudeuten, welche Kieler Matrosen gemeint waren. Die englische Übertragung des Textes benennt den Platz dagegen klar als Kiel Mutiny Memorial Square. Weiter heißt es im englischen Text:
- "The fall of the German Empire in November 1918 began in Kiel. Although Germany had effectively lost World War I, the High Seas Fleet was still ordered once more into a hopeless battle. Some of the sailors resisted. What began as a mutiny in Wilhelmshaven became a broad rebellion in Kiel, where the mutinying sailors were joined by organized trade unions.
- On the 3rd of November 1918, more than 5,000 demonstrators marched through Kiel. Fighting at the central station led to the movement's first victims. A shootout on Brunswiker Straße left seven dead and 29 injured. The bloodshed gave birth to a broad political mass movement. A workers and solidarity council was founded, which formulated revolutionary demands. On the 9th of November, the revolution reached Berlin. Emperor Wilhelm II was forced to abdicate and Philipp Scheidemann proclaimed the birth of the 'German Republic', commonly known as the 'Weimar Republic'."
Es ist sicher nicht einfach, ein so komplexes Geschehen angemessen und korrekt in 150 Wörter zu fassen ...
Weitere Gedenkorte:
-
Gedenktafel von 1978 am Kieler Gewerkschaftshaus: "In diesem Haus tagte Anfang November 1918 der Kieler Arbeiter- und Soldatenrat. Er gab den entscheidenden Anstoss zur Ausrufung der ersten deutschen Republik am 9. November 1918 in Berlin."
-
Revolutionsdenkmal im Kieler Ratsdienergarten von von Hans-Jürgen Breuste (1978)
-
Gedenkrelief der AWO Kiel am Haus Feldstraße 5 (früher Karlstraße). Begleittext: "Am 3. November 1918 demonstrierten Matrosen und Arbeiter in Kiel gegen den Krieg, für Freiheit und Frieden und Brot. Gegen 19.00 Uhr erreichten sie diese Straßenecke. Eine Kompanie kaisertreuer Soldaten schoß in die Menge. Zurück blieben 7 Tote und 29 Verletzte. [...]"
Literatur
- Auge, Oliver: Problemfall Matrosenaufstand. Kiels Schwierigkeiten im Umgang mit einem Schlüsseldatum seiner und der deutschen Geschichte, in: Demokratische Geschichte 25(2014), S. 307-328
- Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 241-258
- Dähnhardt, Dirk : Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster, 1978, ISBN 3-529-02636-0, (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 64), (Zugleich: Kiel, Univ., Diss., 1977).
- Danker, Uwe: Revolutionsstadt Kiel. Ausgangsort für die erste deutsche Demokratie, in: Demokratische Geschichte 25(2014), S. 285-306
- Beier, Gerhard: Carl Legien, die Gewerkschaften und die Kieler Revolution, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 67 (1980), S. 189-210
- Erdmann, Karl Dietrich: Rätestaat oder parlamentarische Demokratie? Neuere Forschungen zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 68 (1981-1983), S. 182-200
- Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution. Beiträge zum Kongress der Kieler SPD zum 90. Jahrestag der Revolution 1918 (Kiel 2009)
- Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
- Fischer, Rolf: "Mit uns die neue Zeit!" Kiels Sozialdemokratie im Kaiserreich und in der Revolution (Geschichte der Kieler Sozialdemokratie, Band II: 1900 - 1920) (Kiel 2013) ISBN 987-3-86935-196-4
- Hoop, Edward: November 1918 – Die Revolution in Rendsburg, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 269-275
- Pohl, Karl Heinrich: Die Revolution von 1918/19 in Deutschland, in: Demokratische Geschichte 11(1998), S. 73-86
- Popp, Lothar/Artelt, Karl: Ursprung und Entwicklung der November-Revolution 1918, in: "Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung", herausgegeben von Jürgen Jensen, Kiel 1983
- Prinz, Ernst: Erinnerungen eines Kieler Architekten und Die Revolution in Kiel 1918 nach Tagebucheintragungen vom 6. November 1918, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 57 (1970), S. 109-134
- Schulte, Rolf: Revolution in der Provinz: Eckernförde 1918, in: Demokratische Geschichte 2(1987), S. 93-114
- Siegfried, Detlef: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917 - 1922 (Wiesbaden 2004)
- Wette, Wolfram: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918 (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7
Links
- Wikipedia: Kieler Matrosenaufstand
Quellen
- ↑ Wette, Wolfram: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918 (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7
- ↑ Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 241-258
- ↑ Wette, Wolfram: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918 (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7
- ↑ Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 241-258
- ↑ Wette, Wolfram: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918 (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7
- ↑ Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 241-258
