Reinhard Ueberhorst

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Reinhard Ueberhorst
Reinhard Ueberhorst
Reinhard Ueberhorst
Geboren: 24. April 1948

Reinhard Ueberhorst, * 24. April 1948 in Elmshorn; selbstständiger Planer. Mitglied der SPD seit 1966.

Leben & Beruf

1966 machte Reinhard Ueberhorst sein Abitur am mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium Bismarckschule in Elmshorn. Es folgten juristische, sozialwissenschaftliche und Sprachstudien an den Universitäten Hamburg, Tübingen und Amsterdam, 1972 das erste juristisches Staatsexamen, 1973 das politikwissenschaftliche Diplom des International Course on European Integration am Europa-Institut der Universität Amsterdam. Von 1970 bis 1973 arbeitete er parallel zum Studium als Hilfskraft in einer Beratungsfirma für Planung und Organisation, anschließend bei der Beratungsgesellschaft "Metaplan" in Quickborn.

Er kann auf verschiedene Auslandsaufenthalte in Westeuropa, insbesondere in den Niederlanden, zurückblicken, ebenso auf einen dreimonatigen Studienaufenthalt in Westafrika.

1974 machte er sich als Planer selbständig.

1981 gründete er ein Beratungsbüro für diskursive Projektarbeiten und Planungsstudien, das sich an staatliche Institutionen, Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen richtet. Aus oder zu diesen Projekten sind zahlreiche Veröffentlichungen entstanden.[1]

Seit 1985, seit dem Ausscheiden aus der Parteipolitik, widmet er sich ganz seinem Beratungsbüro, das ein breites Themenspektrum zu Energiepolitik, Krankenhausplanung, Seeverkehrswirtschaft, Atommüllpolitik, Chemikalienpolitik und Beteiligungsverfahren für einen ebenso breit gefächerten Kundenkreis abdeckt - von Ministerien über Stadtverwaltungen bis zu Anti-AKW-Initiativen.[2]

Hier bietet er seit 1982 auch die Elmshorner Gesprächsabende an.

"Diese Gesprächsabende sind Gesprächsexperimente zu Leitfragen, die keiner der Teilnehmer zuvor jemals in einer vergleichbaren pluralistischen Gruppe diskutiert hat. Der Planer und Gastgeber entwickelt die Leitfrage in der Regel mit einem philosophischen oder literarischen oder wissenschaftlichen Text. So es der Text einer lebenden Autorin ist, ist diese immer unter den Teilnehmenden. Die pluralistische Gruppe umfasst in der Regel 14-18 Mitglieder aus verschiedenen Berufswelten, aus verschiedenen technik-, natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen politischen Orientierungen."[1]

"Für die Eingeladenen gilt allerdings: Wer mitdiskutieren will, muss vorher gelesen haben. Kontroverse Positionen sind ausdrücklich erwünscht, aber nachvollziehbar zu begründen."[2]

Seit 2008 ist er als Lehrbeauftragter im Studium Generale der Elmshorner Nordakademie Hochschule der Wirtschaft tätig. Dort vermittelt er in einem Seminar Politik und Wirtschaft – Basiswissen und -kompetenzen für Querdenker:innen. Dies wird ergänzt durch ein Forum Politik und Wirtschaft[3], eine vierteljährlich stattfindende Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, an der alle Hochschulangehörigen und interessierten Bürgerinnen und Bürger teilnehmen können. Dort werden von hochkarätigen Experten (nur selten Expertinnen) politische und wirtschaftliche Themen behandelt, die mit Hilfe wissenschaftlicher Expertise besser aufbereitet und vermittelt, durch Wissenschaftler aber nicht legitimiert entschieden werden können.[1]

Im Wintersemester 2014/2015 und 2015/2016 hatte er zudem einen Lehrauftrag an der Universität Witten-Herdecke für jeweils ein Seminar über diskursive Politik.[1]

Er ist Mitglied von Arbeiterwohlfahrt, GEW und amnesty international. Seinen Wohnsitz behielt er dauerhaft in Elmshorn. Seinen Familienstand gab er als MdB mit ledig an.

Partei & Politik

1966 trat in seiner Heimatstadt in die SPD ein, übernahm Funktionen bei den Jungsozialisten und in der Partei auf Orts- und Kreisebene; zeitweise (wohl um 1979) Ortsvorsitzender in Elmshorn, Bundesparteitagsdelegierter.

Zu seinen Förderern gehörten Jochen Steffen, über den er viel später auch schrieb, und, als er im Bundestag angekommen war, vor allem Herbert Wehner.[2]

Bundes- und Landesebene

Reinhard Ueberhorst wurde im Wahlkreis 7 (Pinneberg) jeweils direkt gewählt und war Mitglied des Bundestages von 1976 bis 28. Januar 1981.

In die Diskussion um die Politik zum Atommüll brachte er konzeptionelle Vorstellungen zur demokratischen Atommüllpolitik und kritische Analysen der Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe ein.[1]

1979/1980 wurde er Vorsitzender der ersten energiepolitischen Enquete-Kommission Zukünftige Kernenergie-Politik des Bundestages.[4] Diese Kommission war der Preis, den die Nord-SPD dafür aushandelte, dass sie sich den Plänen der Bundesregierung zum Weiterbau des "Schnellen Brüters" fügte. Norbert Gansel und Eckart Kuhlwein formulierten 1978 dazu eine Erklärung:

"Die schleswig-holsteinischen SPD-Abgeordneten im Deutschen Bundestag werden dem bedingten Weiterbau des Schnellen Brüters und der damit verbundenen Einsetzung einer Bundestagskommission "Zukünftige Energiepolitik" zustimmen. Sie sehen darin einen Erfolg ihrer Bemühungen, das Parlament in der Gestaltung der zukünftigen Energiepolitik mit größeren Zuständigkeiten auszustatten. Wenn die SPD-Bundestagsfraktion einstimmig die Einsetzung der Kommission und eine parlamentarische Entscheidung vor einer Inbetriebnahme des Schnellen Brüter beschlossen hat, ist das nicht zuletzt ein Erfolg der engagierten Arbeit des SPD-Technologieexperten Reinhard Ueberhorst aus Elmshorn."[5]

Dass der Kommissionsvorsitz an Reinhard Ueberhorst ging, war insofern nur folgerichtig.

"Hier konnte er seine beiden Lebensthemen, Energiepolitik und Diskurs, Kernenergiekritik und Demokratie, gut zusammenführen. [...] Mit bloßen Meinungen oder Stimmungen kam bei ihm niemand durch. An dieses Prinzip hält er sich – zum Unmut mancher – bis heute konsequent. Daran, dass die SPD sich auf ihrem Nürnberger Parteitag 1986 von der Atomenergie verabschiedete, hatte Ueberhorst gemeinsam mit seinen (nicht nur) politischen Freunden Erhard Eppler, Hermann Scheer und Volker Hauff keinen kleinen Anteil."[2]

Er nahm als MdB an der 7. Bundesversammlung vom 23. Mai 1979 teil, die den Christdemokraten Karl Carstens zum Bundespräsidenten wählte.

Am 28. Januar 1981 wurde er vom neuen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Hans-Jochen Vogel, zum Berliner Senator für Gesundheit und Umwelt berufen und übte das Amt bis zum Regierungswechsel am 11. Juni 1981 aus. In der Wahl vom 10. Mai 1981 war er jedoch auch in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden und nahm sein Mandat bis 1985 wahr.

Im selben Jahr nahm ihn Oskar Lafontaine zur Landtagswahl im Saarland in seine Wahlkampfmannschaft auf. Es ergaben sich jedoch erhebliche Meinungsverschiedenheiten, und der frisch gewählte Ministerpräsident berief den eigentlich als Wirtschaftsminister Vorgesehenen nicht ins Landeskabinett.[2]

Weitere parteipolitische Funktionen übernahm Reinhard Ueberhorst danach nicht mehr.

"Dass sich die Sozialdemokratie in Deutschland mit ihren Intellektuellen manchmal schwertut, ist eine altbekannte und vielbeklagte Tatsache. Von Erhard Eppler über Peter Glotz bis zu Hermann Scheer haftete vielen ihrer Vordenker zu deren aktiven Zeiten eher das Stigma des Querulantentums, des Moralismus oder der mangelhaften Parteidisziplin an. Erst mit dem Ausscheiden aus der Tagespolitik oder dem (wie bei Glotz und Scheer) viel zu frühen Tod wuchs der Stolz der Partei auf ihre geistigen Unruhestifter. Bei Reinhard Ueberhorst, der am 24. April dieses Jahres 75 Jahre alt wird, liegen die Dinge ähnlich, wenn auch im Detail anders."[2]

"Darüber, ob es später Rufe oder gar Angebote aus der SPD für diese oder jene Funktion gab, redet Ueberhorst bis heute selbst bei einem Glas Wein nicht gern. Auch auf die Frage, ob das schnelle Verlassen des Bundestages vielleicht ein Fehler war, erhält man von ihm keine wirkliche Antwort. Man darf aber annehmen: Wer das Prinzip 'No risk, no fun' so verinnerlicht hat wie Ueberhorst, dem ist Larmoyanz über die Ungerechtigkeit der 'Umstände' wohl ziemlich fremd. [...] Ueberhorst ist der Partei trotz seiner zeitweise sehr großen Distanz zu ihr bis heute treu geblieben, über ein halbes Jahrhundert lang. Ob die SPD die Ideen dieses intellektuellen und zugleich praktisch orientierten Diskurspflegers als Teil ihres Traditionsbestandes oder gar als Zukunftsaufgabe sieht? Man wünschte es sich."[2]

Veröffentlichungen

Reinhard Ueberhorst 2021
  • Über die Aktualität von Jochen Steffen im 21. Jahrhundert. In: Danker, Uwe, Jens-Peter Steffen (Hrsg.): Jochen Steffen. Ein politisches Leben (Malente 2018) ISBN 978-3-933862-53-2, S. 347–412 (Sonderveröffentlichung des Beirats für Geschichte, Nr. 24)
  • Demokratische Atommüllpolitik, was wäre das? In: Georg Plate (Hrsg.): Forschung für die Wirtschaft 2014 (Cuvillier, Göttingen 2014) ISBN 978-3-95404-948-6, S. 209–252
  • Wider eine irrationale nukleare Entsorgungspolitik. In: Solarzeitalter, 3/2007, 19. Jahrgang, S. 73–74 (mit Hermann Scheer)
  • Über die Liebe zur politischen Kontroverse. Eine Betrachtung für Hermann Scheer. In: Joachim Bücheler (Hrsg.): Praktische Visionen. Festschrift für Hermann Scheer (Ponte Press, Bochum 2004)
  • Über den politischen Umgang mit komplexen Alternativen. Eine Betrachtung (nicht nur) zur Energiepolitik der letzten 25 Jahre. In: Michelsen, Gerd / Simonis, Udo / de Witt, Siegfried (Hrsg.): Ein Grenzgänger der Wissenschaften. Aktiv für Natur und Mensch. Festschrift für Günter Altner (Berlin 2001)
  • Creative Democracy. Systematic Conflict Resolution and Policymaking in a World of High Science and Technology (Praeger, New York / Westport CT / London 1988) (mit Tom R. Burns und einem Vorwort von Willy Brandt)
  • Zur Politikstilkrise der Kernenergiediskussion. In: Schmidt, Helmut, Hesselbach, Walter (Hrsg.): Kämpfer ohne Pathos. Festschrift für Hans Matthöfer (Bonn 1985)

Weitere Titel vgl. Wikipedia: Reinhard Ueberhorst

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Wikipedia: Reinhard Ueberhorst, abgerufen 9.6.2026
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Loske: Reinhard Ueberhorst
  3. Nordakademie: Suchergebnisse, abgerufen 9.6.2026
  4. Bericht der Enquete-Kommission Zukünftige Kernenergie-Politik, 27.6.1980, Bundestagsdrucksache 8/4341 (Heger, Bonn 1980)
  5. Kuhlwein: Links, dickschädelig und frei: 30 Jahre im SPD-Vorstand in Schleswig-Holstein (Berlin/Hamburg 2010), ISBN 3868506616