Otto Spiegel: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Dr. Otto Spiegel''', * [[16. August]] [[1880]] verm. in Gelsenkirchen, † [[9. Mai]] [[1965]] in den USA; Kinderarzt. Verheiratet, mindestens 2 Kinder; jüdischen Glaubens. Mitglied der SPD.
'''Dr. Otto Spiegel''', * [[16. August]] [[1880]] verm. in Gelsenkirchen, † [[9. Mai]] [[1965]] in den USA; Kinderarzt. Mitglied der SPD.


== Leben & Beruf ==
== Leben & Beruf ==
Otto Spiegel war der jüngere Bruder von [[Wilhelm Spiegel]]. Er studierte Medizin in Kiel, Bonn, Berlin und München,
Otto Spiegel war der jüngere Bruder von [[Wilhelm Spiegel]] und wie dieser jüdischen Glaubens. Er studierte Medizin in Kiel, Bonn, Berlin und München, wo er [[1904]] promoviert wurde. [[1907]] ließ er sich in Kiel nieder, wo sein Bruder bereits als Rechtsanwalt praktizierte, und spezialisierte sich auf die Behandlung von Kindern. Nach seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg wurde er "vom Magistrat der Stadt Kiel für den Aufbau und die Leitung der Fachpädiatrie in Schleswig-Holstein angefordert"<ref>Herhaus, Karl Friedrich: ''Die jüdisch-christliche Episode des 1853 wiederbegründeten Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt 1853-1937'' (Münster 2013, aktualisiert 2014), S. 37 f.</ref>. Man kann ihn also als Begründer der Pädiatrie im Lande ansehen.  
wo er [[1904]] promoviert wurde. [[1907]] ließ er sich in Kiel nieder, wo sein Bruder bereits als Rechtsanwalt praktizierte, und spezialisierte sich auf die Behandlung von Kindern. Nach seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg wurde er "vom Magistrat der Stadt Kiel für den Aufbau und die Leitung der Fachpädiatrie in Schleswig-Holstein angefordert"<ref>Karl Friedrich Herhaus: ''Die jüdisch-christliche Episode des 1853 wiederbegründeten Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt 1853-1937'' (Münster 2013, aktualisiert 2014), S. 37 f.</ref>. Man kann ihn also als Begründer der Pädiatrie im Lande ansehen.  


[[Datei:Familie Spiegel 1949.jpg|thumb|left|250p|Otto und Frieda Spiegel (markiert), ihre Tochter Elisabeth und deren Mann Laszlo (2./3. v.r. hinten).]][[1918]] wurde ihm und seiner Ehefrau Frieda der Sohn Peter Paul Wilhelm Jens Spiegel geboren. Er wurde später ebenfalls Kinderarzt und starb [[2004]] in Chicago.<ref>Seidler, Eduard: ''Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet/­Geflohen/Ermordet'' (Erw. Neuauflage, Basel, New York 2007), S. 308 f.</ref> Die Tochter Elisabeth wurde ? geboren. Sie heiratete [[1949]] einen ebenfalls emigrierten Ungarn, Laszlo Garay.<ref>Persönliche Information ihres Enkels, November 2018.</ref>
[[Datei:Familie Spiegel 1949.jpg|thumb|left|270px|Otto und Frieda Spiegel (markiert), ihre Tochter Elisabeth und deren Mann Laszlo (2./3. v.r. hinten).]][[1918]] wurde ihm und seiner Ehefrau Frieda der Sohn Peter Paul Wilhelm Jens Spiegel geboren. Er wurde später ebenfalls Kinderarzt und starb [[2004]] in Chicago.<ref name=":0">Seidler, Eduard: ''Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet/­Geflohen/Ermordet'' (Erw. Neuauflage, Basel, New York 2007), S. 308 f.</ref> Die Tochter Elisabeth wurde ? geboren. Sie heiratete [[1949]] einen ebenfalls emigrierten Ungarn, Laszlo Garay.<ref>Persönliche Information ihres Enkels, November 2018.</ref>


Es ist wohl anzunehmen, dass Otto Spiegel unter dem Einfluss seines Bruders [[Wilhelm Spiegel|Wilhelm]] der SPD beitrat; wann, ist jedoch nicht ermittelt. Bekannt ist aber<ref>Information von [[Jürgen Weber]], der zur Familie forscht.</ref>, dass er einen Raum in seinem Haus der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiterjugend]] für ihre Treffen und Schulungen zur Verfügung stellte. Vermutlich gehörten seine Kinder der SAJ an.
Es ist wohl anzunehmen, dass Otto Spiegel unter dem Einfluss seines Bruders [[Wilhelm Spiegel|Wilhelm]] der SPD beitrat; wann, ist jedoch nicht ermittelt. Bekannt ist aber<ref>Information von [[Jürgen Weber]], der zur Familie forscht.</ref>, dass er einen Raum in seinem Haus der [[Sozialistische Arbeiterjugend|Sozialistischen Arbeiterjugend]] für ihre Treffen und Schulungen zur Verfügung stellte. Vermutlich gehörten seine Kinder der SAJ an.


Er engagierte sich auch darüber hinaus in einem gewissen Maße politisch: Im Kieler Adressbuch 1923 wird er als bürgerliches Mitglied der Kommission für Jugendpflege geführt.
Er engagierte sich auch darüber hinaus in einem gewissen Umfang politisch: Im Kieler Adressbuch [[1923]] wird er als bürgerliches Mitglied der Kommission für Jugendpflege geführt.


Er leitete außerdem bis zu seiner Entlassung durch die Nazis [[1933]] die Städtische Säuglings- und Fürsorgestelle in Holtenau. Danach führte er noch bis [[1938]] - als einer von drei Ärzten jüdischer Herkunft in Schleswig-Holstein - eine kleine Privatpraxis im Haus Lorentzendamm 5<ref>Das Haus steht nicht mehr; der Nachfolgebau trägt die Hausnummer 15.</ref> in Kiel. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnerte sich später:
Er leitete außerdem bis zu seiner Entlassung durch die Nazis [[1933]] die Städtische Säuglings- und Fürsorgestelle in Holtenau. Danach führte er noch bis [[1938]] - als einer von drei Ärzten jüdischer Herkunft in Schleswig-Holstein - eine kleine Privatpraxis im Haus Lorentzendamm 5<ref>Das Haus steht nicht mehr; der Nachfolgebau trägt die Hausnummer 15.</ref> in Kiel. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnerte sich später:


: "Im Oktober [[1933]] machte ich meine Prüfung als Säuglingspflegerin, und soweit ich mich erinnere, wurde Dr. Sp[iegel] erst Ende [[1933]] oder Anfang [[1934]] wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse entlassen. Wir Schülerinnen hatten den größten Respekt vor diesem tüchtigen und immer korrekten Arzt, und ich persönlich war froh, bei ihm einen gründlichen Unterricht erhalten zu haben, der mir dabei half, bei meiner Schwesternprüfung 1934 gut abzuschneiden. [[1935]] bin ich Herrn Dr. Spiegel noch einmal begegnet, aber ich wagte nicht zu grüßen, die Angst war zu groß. Später habe ich mich deswegen geschämt ..."<ref>Brief einer Leserin an die ''Kieler Nachrichten'', 7.9.1965</ref>
<blockquote>"Im Oktober [[1933]] machte ich meine Prüfung als Säuglingspflegerin, und soweit ich mich erinnere, wurde Dr. Sp[iegel] erst Ende [[1933]] oder Anfang [[1934]] wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse entlassen. Wir Schülerinnen hatten den größten Respekt vor diesem tüchtigen und immer korrekten Arzt, und ich persönlich war froh, bei ihm einen gründlichen Unterricht erhalten zu haben, der mir dabei half, bei meiner Schwesternprüfung 1934 gut abzuschneiden. [[1935]] bin ich Herrn Dr. Spiegel noch einmal begegnet, aber ich wagte nicht zu grüßen, die Angst war zu groß. Später habe ich mich deswegen geschämt ..."<ref>Brief einer Leserin an die ''Kieler Nachrichten'', 7.9.1965</ref></blockquote>


[[1938]] untersagten die Nazis allen jüdischen Ärzten das Praktizieren. Otto Spiegel wurde in "Schutzhaft" genommen und im  Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Später konnten er und seine unmittelbare Familie über die Niederlande nach Kolumbien flüchten, wo er bis [[1955]] praktizierte. Danach ging die Familie in die USA.<ref>Seidler, Eduard: ''Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet/­Geflohen/Ermordet'' (Erw. Neuauflage, Basel, New York 2007), S. 308 f.</ref>
[[1938]] untersagten die Nazis allen jüdischen Ärzten das Praktizieren. Otto Spiegel wurde in "Schutzhaft" genommen und im  Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Später konnten er und seine unmittelbare Familie über die Niederlande nach Kolumbien flüchten, wo er bis [[1955]] praktizierte. Danach ging die Familie in die USA.<ref name=":0" />


== Nachkommen ==
== Nachkommen ==
[[Datei:Otto & Frieda Spiegel.jpg|thumb|left|200px|Otto und Frieda Spiegel mit Enkel Martin Anfang der 1950er Jahre]]Im November [[2018]] kam ein Urenkel von Otto Spiegel - Enkel von Elisabeth und Laszlo Garay - aus London nach Kiel. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Geschichte seiner Familie und setzte sich unter anderem mit dem [[Kreisverband Kiel]] in Verbindung, um den Ort und das Umfeld kennenzulernen, in dem seine Familie gelebt hatte.
[[Datei:Otto & Frieda Spiegel.jpg|thumb|left|270px|Otto und Frieda Spiegel mit Enkel Martin Anfang der 1950er Jahre]]Im November [[2018]] kam ein Urenkel von Otto Spiegel - Enkel von Elisabeth und Laszlo Garay - aus London zu Besuch nach Kiel. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Geschichte seiner Familie und setzte sich unter anderem mit dem [[Kreisverband Kiel]] in Verbindung, um den Ort und das Umfeld kennenzulernen, in dem seine Familie gelebt hatte.


== Links ==
== Links ==

Aktuelle Version vom 30. März 2026, 13:14 Uhr

Otto Spiegel
Otto Spiegel
Otto Spiegel
Geboren: 16. August 1880
Gestorben: 9. Mai 1965

Dr. Otto Spiegel, * 16. August 1880 verm. in Gelsenkirchen, † 9. Mai 1965 in den USA; Kinderarzt. Mitglied der SPD.

Leben & Beruf

Otto Spiegel war der jüngere Bruder von Wilhelm Spiegel und wie dieser jüdischen Glaubens. Er studierte Medizin in Kiel, Bonn, Berlin und München, wo er 1904 promoviert wurde. 1907 ließ er sich in Kiel nieder, wo sein Bruder bereits als Rechtsanwalt praktizierte, und spezialisierte sich auf die Behandlung von Kindern. Nach seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg wurde er "vom Magistrat der Stadt Kiel für den Aufbau und die Leitung der Fachpädiatrie in Schleswig-Holstein angefordert"[1]. Man kann ihn also als Begründer der Pädiatrie im Lande ansehen.

Otto und Frieda Spiegel (markiert), ihre Tochter Elisabeth und deren Mann Laszlo (2./3. v.r. hinten).

1918 wurde ihm und seiner Ehefrau Frieda der Sohn Peter Paul Wilhelm Jens Spiegel geboren. Er wurde später ebenfalls Kinderarzt und starb 2004 in Chicago.[2] Die Tochter Elisabeth wurde ? geboren. Sie heiratete 1949 einen ebenfalls emigrierten Ungarn, Laszlo Garay.[3]

Es ist wohl anzunehmen, dass Otto Spiegel unter dem Einfluss seines Bruders Wilhelm der SPD beitrat; wann, ist jedoch nicht ermittelt. Bekannt ist aber[4], dass er einen Raum in seinem Haus der Sozialistischen Arbeiterjugend für ihre Treffen und Schulungen zur Verfügung stellte. Vermutlich gehörten seine Kinder der SAJ an.

Er engagierte sich auch darüber hinaus in einem gewissen Umfang politisch: Im Kieler Adressbuch 1923 wird er als bürgerliches Mitglied der Kommission für Jugendpflege geführt.

Er leitete außerdem bis zu seiner Entlassung durch die Nazis 1933 die Städtische Säuglings- und Fürsorgestelle in Holtenau. Danach führte er noch bis 1938 - als einer von drei Ärzten jüdischer Herkunft in Schleswig-Holstein - eine kleine Privatpraxis im Haus Lorentzendamm 5[5] in Kiel. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnerte sich später:

"Im Oktober 1933 machte ich meine Prüfung als Säuglingspflegerin, und soweit ich mich erinnere, wurde Dr. Sp[iegel] erst Ende 1933 oder Anfang 1934 wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse entlassen. Wir Schülerinnen hatten den größten Respekt vor diesem tüchtigen und immer korrekten Arzt, und ich persönlich war froh, bei ihm einen gründlichen Unterricht erhalten zu haben, der mir dabei half, bei meiner Schwesternprüfung 1934 gut abzuschneiden. 1935 bin ich Herrn Dr. Spiegel noch einmal begegnet, aber ich wagte nicht zu grüßen, die Angst war zu groß. Später habe ich mich deswegen geschämt ..."[6]

1938 untersagten die Nazis allen jüdischen Ärzten das Praktizieren. Otto Spiegel wurde in "Schutzhaft" genommen und im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Später konnten er und seine unmittelbare Familie über die Niederlande nach Kolumbien flüchten, wo er bis 1955 praktizierte. Danach ging die Familie in die USA.[2]

Nachkommen

Otto und Frieda Spiegel mit Enkel Martin Anfang der 1950er Jahre

Im November 2018 kam ein Urenkel von Otto Spiegel - Enkel von Elisabeth und Laszlo Garay - aus London zu Besuch nach Kiel. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Geschichte seiner Familie und setzte sich unter anderem mit dem Kreisverband Kiel in Verbindung, um den Ort und das Umfeld kennenzulernen, in dem seine Familie gelebt hatte.

Einzelnachweise

  1. Herhaus, Karl Friedrich: Die jüdisch-christliche Episode des 1853 wiederbegründeten Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt 1853-1937 (Münster 2013, aktualisiert 2014), S. 37 f.
  2. 2,0 2,1 Seidler, Eduard: Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet/­Geflohen/Ermordet (Erw. Neuauflage, Basel, New York 2007), S. 308 f.
  3. Persönliche Information ihres Enkels, November 2018.
  4. Information von Jürgen Weber, der zur Familie forscht.
  5. Das Haus steht nicht mehr; der Nachfolgebau trägt die Hausnummer 15.
  6. Brief einer Leserin an die Kieler Nachrichten, 7.9.1965