Hannelore Fojut

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Hannelore Fojut
Hannelore Fojut
Hannelore Fojut
Geboren: 17. Januar 1929
Gestorben: 4. Februar 2026

Hannelore Fojut (geb. Kopp), * 17. Januar 1929 in Hagen/Westfalen, † 4. Februar 2026 in Schönkirchen. Mitglied der SPD ab 1964.

Leben & Beruf

Hannelore Kopp kam in Westfalen zur Welt. Sie war geprägt durch eine sehr schwierige Kindheit: Ihre Mutter wurde an ihrem 9. Geburtstag zu Grabe getragen, und sie musste als die Älteste mehr als zwei Wochen lang allein ihre fünf jüngeren Geschwister versorgen, bis die Kinder auf verschiedene Familien verteilt wurden. Die junge Hannelore kam zu den Großeltern nach Bochum. Ein Jahr später starb auch die Großmutter. Dies seien "furchtbare Jahre" gewesen, erinnerte sie sich. In diesen frühen Erfahrungen sah sie die Triebfeder ihres unbedingten Einsatzes für soziale Gerechtigkeit.[1]

Mit 14 Jahren schloss sie 1943 die Schule ab und kam nach Kiel zu ihrem Vater.

"Er hatte sich dort wiederverheiratet und noch vier neue Kinder bekommen. Weil beide Elternteile berufstätig waren, durfte ich mein Pflichtjahr[2] in ihrem Haushalt ableisten. Da kam ich ganz gut zurecht, jedenfalls besser als in Bochum."[1]

Später musste sie bei Hagenuk in der Rüstungsindustrie arbeiten.

"Der Krieg war furchtbar, ich habe in Kiel unvorstellbar Grauenhaftes erlebt und gesehen. Überall Zerstörung, so viele Tote, schwerstverletzte Menschen, schreiende Kinder. Auch das Haus meines Vaters wurde ausgebombt. Wir sind dann zunächst in Kiel-Ellerbek untergekommen, sieben Personen in einem einzigen Zimmer, bevor wir für ein Vierteljahr in Westpreußen der Front entkommen konnten. Das Kriegsende haben wir dann wieder in Schleswig-Holstein erlebt, wo uns in Schönberg ein Haus zugewiesen wurde. Oh mein Gott, was haben wir damals gehungert! Kein Essen und in der Volksküche nur Pferdebohnen ohne Salz. In der Bevölkerung wüteten lebensbedrohliche Erkrankungen wie Tuberkulose und Diphtherie oder Seuchen wie Typhus und die Ruhr. Auch mich hatte die Ruhr schwer erwischt, sodass mein Vater unsere letzte Habe auf dem Schwarzmarkt gegen Medikamente für mich eintauschen musste."[1]

Nach dem Ende der NS-Herrschaft plante Hannelore Kopp eine Ausbildung zur Krankenschwester.

"Doch auch daraus wurde nichts, nachdem ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt hatte. Denn nun nahm mein Leben den klassischen Verlauf – Verlobung, Heirat, die Geburten unserer beiden Kinder, dies alles dann in den 1950er Jahren. In dieser Zeit haben wir auch unser Haus hier in Schönkirchen bezogen. Ich hatte ja zuvor nie ein wirkliches Zuhause gehabt, aber jetzt schon! Dieser Lebensmittelpunkt tat auch meinen Geschwistern gut, um die ich mich auch nach meiner Heirat weiter kümmerte. So wurde unser Zuhause auch für sie zum Zentrum der Familie."[1]

Sie heiratete Harald Fojut. Das Ehepaar hatte zwei Kinder.[3] Die Familie lebte in der Schönberger Landstraße 107a.[4] Harald Fojut war als Zimmererpolier häufig auf auswärtigen Baustellen; seine Frau sah sich als "wie so viele Mütter damals quasi alleinerziehend". Ihre Tochter erkrankte mit vier Jahren an Kinderlähmung, der Sohn später an Pseudokrupp, neben der emotionalen auch eine erhebliche zeitliche und finanzielle Belastung für die junge Familie.[1]

Das Ehepaar gehörte selbstverständlich der AWO an, aber auch etwa der Knochenbruchsgilde für Schönhorst und Umgegend, einer örtliche Krankenversicherungsgilde auf Gegenseitigkeit aus dem 19. Jahrhundert, wo Hannelore Fojut 2005 auch als Gildekönigin amtierte.

Seit dem Tod ihres Mannes 2019 lebte Hannelore Fojut allein in ihrem Reihenhaus. Irgendwann nach 2023 zog offenbar ins AWO Wohn- und Servicezentrum Schönkirchen.[5] Im Sommer 2023 hatte sie dies noch als Falschinformation zurückgewiesen.[1]

AWO

Zur AWO kam Hannelore Fojut 1962 über die Krankheit ihres Sohnes.[1] Ihre mehr als 45 Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit auf Orts-, Kreis-, Landes- und Bundesebene für den Verband sind von ihrem vielfältigen kommunalpolitischen Engagement kaum zu trennen. Es sei ihr, so sagte sie, immer darum gegangen,

"dass für Kinder und Jugendliche Gesundheit, optimale Entwicklungsmöglichkeiten und Chancengerechtigkeit entstehen können, für Mütter, Väter und Familien ein gutes und sicheres Leben und für alle Menschen bis hinein ins hohe Alter Selbstbestimmung, Selbständigkeit und Teilhabe".[1]

"Durch meine Tätigkeiten in der AWO und in der Politik sind auch engmaschige Netzwerke und gute Synergieeffekte entstanden. Das waren keine schlechten Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung von Vorhaben. Sicher, meine gute Zusammenarbeit mit anderen Verantwortlichen bis hinein in die Landesregierung haben auch nicht geschadet. Aber für die Umsetzung von Vorhaben brauchen Sie in erster Linie Mehrheiten und natürlich das nötige Geld! Eine Finanzierung zusammenzuzimmern und auch dauerhaft zu sichern, habe ich übrigens stets als schwierigste Herausforderung erlebt. Es ist nämlich sehr schmerzlich, wenn ein wichtiges Angebot nicht realisiert werden oder ein auslaufendes Modellprojekt nicht in die Regelhaftigkeit überführt werden kann. Dann stehen die Nutzer*innen ohne Unterstützung und die Mitarbeitenden ohne Job da. Schlimm!"[1]

Von 1979 bis 1984 war sie Vorsitzende des AWO-Kreisverbandes Plön.[6] 1983 übernahm sie als Nachfolgerin von Günter Lütgens bis 1995 den Landesvorsitz der AWO Schleswig-Holstein. Auf der Bundeskonferenz in Dortmund im November 1986 wurde sie als Beisitzerin in den Bundesvorstand gewählt.[7]

"Mit ihrer den Menschen zugewandten Art, stets hellwach, humorvoll und klug, hat Hannelore Fojut mit einer für sie charakteristischen, mitreißenden Energie unmöglich Scheinendes doch möglich gemacht - immer im Netzwerk gedacht, gehandelt zum Wohle der Menschen".[8]

Sie brachte während ihrer Amtszeit einige zukunftsweisende Projekte in Gang. 1972 erhielt Schönkirchen nicht nur den ersten Ganztagskindergarten in Schleswig-Holstein; im Rahmen eines Modellversuchs wurde im Ort auch eine der ersten Sozialstationen gegründet - ein neues Konzept, das Beratung, Altenhilfe und Altenpflege aus einer Hand anbot. Beide Einrichtungen wurden am selben Tag eröffnet. Darüber hinaus war Hannelore Fojut an der Entwicklung der Servicehäuser beteiligt, in denen die AWO bis heute führend ist, und setzte sich für die Gründung der Schule für Altenpflege in Preetz ein, die noch heute die fachliche Betreuungsqualität in Senioreneinrichtungen sichert - in ihrer Einschätzung "ihr wichtigstes, aber auch mühsamstes Projekt".[1]

Auch mit mehr als 90 Jahren gab es für sie keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Im Frühjahr 2020 antwortete sie auf die Frage: "Wie gestalten Sie momentan Ihren Alltag?":

"Wir können im Moment ja nicht viel anbieten, da habe ich mir alte AWO-Kittel genommen und mich an die Nähmaschine gesetzt, um fürs Servicehaus Gesichtsmasken zu nähen."[5]

Partei & Politik

Hannelore Fojut trat 1964 in die SPD ein - nach einiger Überwindung, wie sie einräumte, denn nach den Erfahrungen der NS-Diktatur wollte sie sich nie einer Partei verschreiben. Ihr Mann habe sie aber überzeugt.[1]. Sie übte zahlreiche Funktionen und Ämter aus. Von 1965 bis 1978 gehörte sie der Gemeindevertretung Schönkirchen an, von 1986 bis 1998 war sie Abgeordnete des Plöner Kreistages, ab 1990 im Amt der Kreispräsidentin.[9] In den Kreistag wechselte sie, weil ihr Mann ebenfalls in die Gemeindevertretung gewählt wurde; sie wollten sich "nicht ins Gehege kommen".[1]

"Mit viel Klugheit und einem klaren Blick für das Wesentliche erkannte sie, was fehlte, und setzte sich mit einem hohen persönlichen Einsatz und viel Überzeugungskraft für Veränderungen ein".

Diese setzte sie "mit viel Verhandlungsgeschick" für Benachteiligte, Kinder, Alte und Kranke durch. So entstanden neben dem Ganztagskindergarten und der Sozialstation die Hauspflege, eine Spieliothek und das AWO-Kinderhaus.[10]

Auf Vorschlag der SPD war sie Delegierte der 9. Bundesversammlung[11], die am 23. Mai 1989 Richard von Weizsäcker zum Bundespräsidenten wiederwählte, und der 10. Bundesversammlung, in der am 23. Mai 1994 der SPD-Kandidat Johannes Rau dem konservativen Kandidaten Roman Herzog in der Wahl zum Bundespräsidenten unterlag.[12]

Ehrungen

1995 erhielt Hannelore Fojut die Freiherr-vom-Stein-Medaille des Landes Schleswig-Holstein[13], die Deutsche Feuerwehr-Ehrenmedaille, die Ehrengabe des Kreises Plön und die Heinrich Paulsen Medaille als höchste Auszeichnung des Deutschen Sängerbundes.[10]

Ebenfalls 1995 wurde sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Landesvorsitz zur AWO-Ehrenvorsitzenden ernannt. Sie war zudem Trägerin der Marie-Juchacz-Medaille, der höchsten Ehrung, die der AWO-Bundesverband vergibt.[8]

1996 wurde sie für ihre Lebensleistung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

2014 ehrten sie der Kreisverband Plön und ihr Ortsverein Schönkirchen für 50 Jahre SPD-Mitgliedschaft. Zu ihrem 90. Geburtstag bescheinigte ihr die Kreispartei:

"Hannelore Fojut hat sich um die SPD im Kreis Plön verdient gemacht."[14]

Am 24. Februar 2015 verlieh die Gemeinde Schönkirchen ihr als erster Frau die Ehrenbürgerrechte des Ortes.[15]

Auf ihrem Kreisparteitag am 13. September 2022 zeichnete die SPD sie mit der Willy-Brandt-Medaille aus[16] und ernannte sie zum Ehrenmitglied[17][13].

Am 24. Juli 2023 gründeten die AWO Schleswig-Holstein und die Förde Sparkasse die Hannelore-Fojut-Stiftung zur Unterstützung sozialer und gemeinnütziger Projekte im Sinne des Lebenswerks der Namensgeberin[18], ausgestattet mit einem Gründungsvermögen von 300.000 Euro[19]. Die SPD des Kreises Plön beglückwünschte ihr langjähriges Mitglied zu dieser außergewöhnlichen Ehrung und dankte ihr "für ihr beeindruckendes Engagement".[20]

Einzelnachweise

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 Düsenberg, Swaantje: „Überzeugungskraft statt Augengeklimper!“ (Ein Interview im Auftrag der AWO SH anlässlich der Gründung der Hannelore-Fojut-Stiftung), Homepage der AWO SH, Spätsommer 2023
  2. Die Nazis schrieben allen jungen Frauen ein Pflichtjahr in der Land- oder Hauswirtschaft vor.
  3. Harald Fojut, Traueranzeige der Familie, Kieler Nachrichten, 10.8.2019
  4. Gemeinde Schönkirchen: Ortsführer (Adressverzeichnis) (2002), S. 6
  5. 5,0 5,1 HERZ - Das Magazin der AWO Pflege in Schleswig-Holstein, 1/2020, S. 17
  6. AWO-Kreisverband Plön: Homepage, abgerufen 2.3.2022
  7. Arbeiterwohlfahrt - Bezirksverband Westliches Westfalen: Damals wie heute - wird morgen ..., Punkt 4 der Timeline
  8. 8,0 8,1 Spyra, Frank: Trauer um Hannelore Fojut, Kieler Nachrichten, 17.2.2026
  9. Göllnitz, Martin: Der Kreis Plön. In: Auge, Oliver (Hrsg.): 150 Jahre Kreis in Schleswig-Holstein (Schleswig-Holsteinischer Landkreistag 2017), ISBN 978-3-88312-398-1
  10. 10,0 10,1 Abschied von Hannelore Fojut, Förde Kurier, abgerufen 25.3.2026
  11. Wikipedia: Liste der Mitglieder der 9. Bundesversammlung (Deutschland), abgerufen 2.3.2022
  12. Schleswig-Holsteinischer Landtag: Drucksache 13/1688 | Wahlvorschlag der Fraktion der SPD | Wahl der Mitglieder zur 10. Bundesversammlung, 3.2.1994
  13. 13,0 13,1 Hannelore Fojut Ausgezeichnet, Förde Kurier, abgerufen 25.3.2026
  14. SPD Kreis Plön: Hannelore Fojut wurde 90, 23.1.2019
  15. Kuhl, Christoph: Große Ehre für Hannelore Fojut, Kieler Nachrichten, 25.2.2015 (Bezahlschranke)
  16. SPD Kreis Plön: Willy-Brandt-Medaille für Hannelore Fojut, 16.9.2022
  17. Schekahn, Hans-Jürgen: Hannelore Fojut jetzt Ehrenmitglied der SPD, Kieler Nachrichten, Regionalausgabe Ostholstein, 19.9.2022
  18. Hannelore-Fojut-Stiftung der AWO, abgerufen 1.10.2023
  19. Wikipedia: Hannelore Fojut, abgerufen 9.4.2026
  20. SPD Kreis Plön: SPD Kreis Plön gratuliert Hannelore Fojut zur Benennung der „Hannelore-Fojut-Stiftung“, 30.7.2023