Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand

Aus SPD Geschichtswerkstatt
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Revolutionspostkarte, 1918

Der Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand, der am 3. November 1918 begann, entwickelte sich in den folgenden Tagen zur Novemberrevolution, die zum Ende des Kaiserreiches und zur Einführung der ersten Demokratie in Deutschland führte.

Vorgeschichte

Seit 1914 war Deutschland im Ersten Weltkrieg. Über die unterschiedliche Haltung dazu war die SPD 1917 in die Mehrheits-SPD (MSPD) und die Unabhängige SPD (USPD) zerbrochen.

Hunderttausende starben im Krieg und die Versorgung mit Lebensmitteln in der Heimat wurde immer schlechter. Ab 1916 wurde immer wieder gegen den Krieg gestreikt. Ende 1917 kam es zur sozialistischen Revolution in Russland.

Im September 1918 erkannte die deutsche Militärführung die Lage aus aussichtslos. Die Regierung ersuchte Anfang Oktober 1918 die Alliierten um einen Waffenstillstand. Gegen den Willen der Regierung plante die Marineführung eigenmächtig eine Selbstmordschlacht gegen die britische Marine. Als sich diese Pläne Ende Oktober bei den Matrosen in Wilhelmshaven herumsprachen, meuterten diese. Um die Meuterei unter Kontrolle zu bringen, wurde der Teil der Flotte, der am stärksten betroffen schien, am 31. Oktober von Wilhelmshaven nach Kiel verlegt. Damit wurde jedoch die Revolte nach Kiel importiert.[1]

Kiel war seit 1871 Reichskriegshafen und innerhalb von knapp 50 Jahren von 30.000 auf 243.000 EinwohnerInnen angewachsen. 50.000 davon waren Militär. Die Hälfte der unter dem Drei-Klassen-Wahlrecht Wahlberechtigten wählte SPD. Tausende waren als Arbeiter in Gewerkschaften organisiert. Bereits bei den Streiks von 1917 waren in der Stadt zwischen 17.000 und 26.000 Menschen auf die Straße gegangen. Im Januar 1918 hatten unter Führung der USPD 30.000 Kieler Arbeiter für Friedensverhandlungen demonstriert. Der Boden für einen Aufstand war bereitet.[2]

Verlauf

Freitag, 1. November

Gewerkschaftshaus
Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand
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In Kiel angekommen, kontaktierten die revoltierenden Matrosen andere Truppenteile, Gewerkschaften und Politiker der MSPD und der USPD. Gut 250 Matrosen des III. Geschwaders trafen sich im Gewerkschaftshaus. Ihr Ziel war zunächst nur die Freilassung der bei der Ankunft in Kiel in Haft gesetzten Kameraden. Gemeinsam riefen sie zu einer Demonstration am 3. November auf. In den folgenden Tagen wurde das Gewerkschaftshaus, in dem auch Bezirksverband und die Kieler SPD ihre Geschäftsstellen hatten, zum Zentrum des Aufstands. Der Kieler Sozialdemokrat und Chefredakteur der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung, Bernhard Rausch, schrieb Ende 1918:

"Das große Kieler Gewerkschaftshaus war im Nu zu einer lauten Kaserne geworden, in der es von fröhlichen Blaujacken wimmelte. In den stillen Räumen und Versammlungssälen, in denen früher nur die Waffen des Geistes geschärft worden waren, rasselten jetzt Gewehre, Karabiner, Pistolen, Maschinengewehre und Munition, womit die Matrosen ausgerüstet wurden, die noch nicht bewaffnet waren. Und in den Bureauräumen, in denen jahrelang ein stiller Bienenfleiß fein säuberlich gebaut hatte, und in denen sich jetzt vorübergehend allerhand Kommitees einnisteten, herrschte bald ein geniales Durcheinander von Zetteln, Kaffeetassen, Schreibmaschinen, Waffen, so daß sich manch alter ehrlicher Klassenkämpfer bedenklich hinter den Ohren kraulte."[3]

Sonnabend, 2. November

Eine Versammlung an diesem Tag wurde durch die Polizei verhindert, die das Gewerkschaftshaus abriegelte. Statt dessen trafen sich 500 bis 600 Aufständische um 19 Uhr auf dem Großen Exerzierplatz im Vieburger Gehölz. Im Vergleich zum Vortag hatte sich die Zahl der Anwesenden bereits verdoppelt.

Auch hier forderten die Redner vor allem die Freilassung der Gefangenen. Der Oberheizer Karl Artelt, Mitglied der USPD, ging als einziger Redner weiter; er rief zur "Niederkämpfung des Militarismus und Beseitigung der herrschenden Klasse" auf und suchte Verbindung mit Vertrauensmännern der USPD.[4]

In dieser Nacht wurden erste Flugblätter vervielfältigt.

Sonntag, 3. November

Gedenk-Relief am Haus Feldstr. 5

Morgens wurden noch einmal Matrosen auf ihrem Schiff verhaftet.[5] Gouverneur Wilhelm Souchon, militärisches und zivilies Oberhaupt von Kiel, forderte Hilfe aus Berlin an - unter anderem durch einen "hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten", weil er und sein Stab die Hauptgefahr in der politisch bewussten, gut organisierten und solidarischen Kieler Arbeiterschaft sahen.[6]

An der Versammlung um 17 Uhr auf dem Großen Exerzierplatz im Vieburger Gehölz nahmen schon 5000 bis 6000 Menschen teil, hauptsächlich Matrosen. Redner waren unter anderen der schon erwähnte Karl Artelt und der Vorsitzende des Kieler Gewerkschaftskartells, Gustav Garbe.[7] Danach setzte sich ein Protestmarsch in Richtung auf das Arrestgefängnis an der Karlstraße in Bewegung. Am Bahnhof geriet eine Frau unter eine Straßenbahn und starb.[8]

Gegen 19 Uhr erreichte der Zug die Karlstraße (heute Feldstraße), Ecke Brunswiker Straße. Die Militärführung wollte den Marsch stoppen und stationierte dort einen Zug Rekruten; dessen Kommandant, ein Leutnant, hatte Anweisung, "rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen"[9]. Sieben Tote und 19 Verletzte waren das Ergebnis. Dies rief "in ganz Kiel eine ungeheure Empörung" hervor, die "zu einer breiten Solidarisierungswelle" und am nächsten Tag zu Arbeitsniederlegungen führte.[10]

Gustav Garbe

1974 erinnerte sich Gertrud Völcker, die als 22-Jährige die Revolution miterlebt hatte, jedoch nicht an die Toten oder an revolutionäres Chaos, sondern an die Begeisterung der Sozialistischen Arbeiterjugend und an die Ordnung, mit der alles abgelaufen sei:

Arbeiter- und Matrosenaufstand in Kiel

"Die Matrosen [...] zogen mit wehenden roten Fahnen durch die Straßen der Stadt. Die politisch bewußte Bevölkerung schloß sich ihnen an. Die Jugend war in ihrer Mitte, rote Fahnen schwingend und sozialistische Kampflieder singend. [...] Es wurden sehr schnell Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die die Machtausübung in ihre Hände nahmen und ordnend tätig wurden. Das Arbeitersekretariat [Völckers Arbeitsplatz im Gewerkschaftshaus] wurde Hauptquartier der Revolutions- oder Nachkriegsführer. Hier trafen sich zu Besprechungen der alte Gewerkschaftsführer Gustav Garbe, der Arbeitersekretär Albert Billian, der Parteiführer Wilhelm Poller, Professor Gustav Radbruch und einige andere [...]. Eines Tages mußten Else Riechers, später Else Kuklinski, und ich mit unseren Schreibmaschinen aus dem Arbeitersekretariat in die Schiffs- und Maschinenbauschule umziehen, ins neu geschaffene Büro der Arbeiter- und Soldatenräte. Hier trafen wir verantwortungsbewußte aktive nette junge Soldaten an [...]."[11]

Der Bezirksvorsitzende der MSPD, Heinrich Kürbis, reiste auf eigene Initiative nach Berlin und berichtete Philipp Scheidemann, Staatssekretär in der Regierung von Max von Baden, über die Lage in Kiel.[12] Erste Matrosen verließen Kiel in Richtung auf ihre Heimatstädte und berichteten dort von den Ereignissen. In den folgenden Tagen gründeten sich in weiteren Städten Arbeiter- und Soldatenräte, zunächst entlang der Küste, ab dem 7. November auch im Binnenland.

Montag, 4. November

Als Reaktion auf die Toten vom Vortag rebellierten weitere Teile von Marine und Heer, Werftarbeiter legten die Arbeit nieder. Die Matrosen bewaffneten sich und bildeten einen ersten Soldatenrat, als dessen Sprecher Karl Artelt auftrat. Weitere Soldatenräte bildeten sich. Die Arbeiter beschlossen zur Unterstützung für den nächsten Tag den Generalstreik.

Bis zum Mittag standen alle Schiffe, der Hafen und die große Marine-Garnison unter dem Einfluss des Soldatenrats.[13] Von Gouverneur Souchon herbeigerufene Infanterie-Einheiten aus Rendsburg, Neumünster und Schleswig konnten nichts mehr ausrichten, sondern schlossen sich teilweise sogar dem Aufstand an.[14]

Die Vertreter der Soldaten verhandelten mit dem Gouverneur über die Freilassung ihrer gefangenen Kameraden. Der Gouverneur traf sich auch erstmals mit Vertretern der Arbeiterschaft von SPD und USPD. Unter anderem war Parteisekretär Wilhelm Poller dabei.[15] Am frühen Abend hatten die Soldaten ihr Ziel erreicht und zogen im Triumphzug von der Garnison in der Wik zur Arrestanstalt in der Feldstraße.[16]

In der Stadt stand ansonsten das Leben still, wie sich Martha Riedl erinnerte:

"Die ganzen Geschäfte waren dicht. [...] Meines Erachtens war das auch richtig. Dann kamen irgendwelche Elemente gar nicht erst auf die Idee was zu plündern. Hunger hatten wir alle. Und die großen Geschäfte hatten auch zu. Das war das erste, die hatten alle dicht. Die haben alle runtergezogen und haben sich verkrochen, haben sich nicht hören und nicht sehen lassen."[17]

Gustav Noske gewann bei seiner Ankunft einen anderen Eindruck:

"Die Kieler Hauptstraßen waren noch belebter als es sonst zu dieser Abendstunde der Fall war. Den Eindruck, daß eine große Revolution begonnen habe, bekam man jedoch nicht. Männer und Frauen lachten, wenn mein fahnenschwingender Begleiter seinen Freiheitsruf ertönen ließ. Unbewaffnete Blaujacken flanierten wie sonst mit ihren Mädchen."[18]

Gustav Noske, 1907

Der MSPD-Militärexperte Gustav Noske und Staatssekretär Conrad Haußmann trafen um 19.30 Uhr in Kiel ein und wurden von den Aufständischen jubelnd am Bahnhof empfangen - ein Hinweis darauf, dass sie nicht gegen die Regierung revoltierten, sondern sich mit ihr im Einverständnis gegen die Marineführung sahen.[19]

Am späten Abend fand eine weitere Verhandlungsrunde zwischen Soldaten, militärischer Führung, Gustav Noske und Conrad Haußmann statt. Gustav Noske wies darauf hin, dass die Arbeiter im ganzen Reich in den Streik treten würden, falls weitere Truppen zur Eindämmung der Revolte herangezogen würden und es zum Blutvergießen komme; in diesem Fall würde sich für ihn eine weitere Erörterung erübrigen.[20]

"14 Kieler Punkte"
Der Soldatenrat beschloss einen Forderungskatalog, der am nächsten Tag auch in der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung veröffentlich wurde:

  1. Freilassung sämtlicher Inhaftierten und politischen Gefangenen.
  2. Vollständige Rede- und Pressefreiheit.
  3. Aufhebung der Briefzensur.
  4. Sachgemäße Behandlung der Mannschaften durch Vorgesetzte.
  5. Straffreie Rückkehr sämtlicher Kameraden an Bord und in die Kasernen.
  6. Die Ausfahrt der Flotte hat unter allen Umständen zu unterbleiben.
  7. Jegliche Schutzmaßnahmen mit Blutvergießen haben zu unterbleiben.
  8. Zurückziehung sämtlicher nicht zur Garnison gehöriger Truppen.
  9. Alle Maßnahmen zum Schutze des Privateigentums werden sofort vom Soldatenrat festgesetzt.
  10. Es gibt außer Dienst keine Vorgesetzten mehr.
  11. Unbeschränkte persönliche Freiheit jedes Mannes von Beendigung des Dienstes bis zum Beginn des nächsten Dienstes.
  12. Offiziere, die sich mit den Maßnahmen des jetzt bestehenden Soldatenrates einverstanden erklären, begrüßen wir in unserer Mitte. Alles Übrige hat ohne Anspruch auf Versorgung den Dienst zu quittieren.
  13. Jeder Angehörige des Soldatenrates ist von jeglichem Dienste zu befreien.
  14. Sämtliche in Zukunft zu treffenden Maßnahmen sind nur mit Zustimmung des Soldatenrates zu treffen.[21]

"Die 14 Punkte des Forderungskatalogs, den die Kieler Soldatendeputierten für verbindlich erklärten, waren gerade in ihrer Unklarheit und in ihrer Beschränkung auf die Sphäre des Militärischen ein authentischer Ausdruck der spontanen Massenbewegung."[22]

Dienstag, 5. November

Rote Fahnen wurden gehisst, die gesamte Kieler Arbeiterschaft trat in den Generalstreik. Am frühen Morgen bildete sich ein erster Arbeiterrat.[23] Ihm gehörten 14 Vorstandsmitglieder von SPD und USPD sowie der Vorsitzende des Gewerkschaftkartells, Gustav Garbe, als Vorsitzender an. Der Arbeiterrat entsandte Beigeordnete in die Verwaltung zu deren Überwachung und übernahm selbst das Ernährungsamt. Einer der Beigeordneten war Eduard Adler - seine Ernennungsurkunde war ein handgeschriebener Zettel:

"Im Name des Arbeiterrates bestimme ich, daß die Stadtverwaltung, abgesehen von der Neuregelung der Lebensmittelverhältnisse, in der bisherigen Weise unter Abhängigkeit vom Arb.-Soldatenrat selbstständig zu arbeiten hat. Als Beigeordnterer des Oberbürgermeisters funktioniert stellv[ertretender] Stadtv[erordneten-]Vorsteher Adler. Kiel, den 5. November 1918, G. Garbe."[24]

Heinrich Kürbis wurde als Beigeordneter zum Oberpräsidenten von Schleswig-Holstein delegiert.[25]

Zwischen Soldatenrat und Arbeiterrat gab es keine formale Zusammenarbeit. Während sich der eine um militärische Fragen kümmerte, übernahm der andere zivile Aufgaben.[26] Die Kriegsschiffe im Hafen hissten statt der kaiserlichen Kriegsfahne rote Fahnen. Die Soldaten verbreiteten ein Flugblatt:

Aufruf des Gouverneurs, mit dem die Lage beruhigt werden sollte

"Kameraden! Der gestrige Tag wird in der Geschichte Deutschlands ewig denkwürdig sein. Zum ersten Male ist die politische Macht in die Hände der Soldaten gelangt. Ein Zurück gibt es nicht mehr! Große Aufgaben liegen vor uns. Aber damit sie erfüllt werden können, ist Einigkeit und Geschlossenheit der Bewegung notwendig!"[27]

Beschlüsse Soldatenrat, 5.11.1918

Bei planlosen Schießereien wurden 10 Menschen getötet und 21 verletzt. Die Matrosen vermuteten, dass Offiziere aus den Häusern heraus auf die Aufständischen feuerten. Gouverneur Souchon versuchte das Töten durch einen Aufruf zu unterbinden. Er verpflichtete Offiziere, "Gewaltmaßregeln zu unterlassen".[28] Prinz Heinrich, der in Kiel lebende Bruder des Kaisers, floh auf sein Landgut bei Eckernförde. Auch der Soldatenrat rief erneut dazu auf, unbedingt Ruhe und Ordnung zu bewahren.[29] Per Akklamation hatte sich zuvor Gustav Noske während einer Versammlung auf dem Wilhelmplatz zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen lassen.[30]

Mittwoch, 6. November

Die Lage in der Stadt beruhigte sich. Allerdings schien Kiel isoliert zu sein. Unsicherheit machte sich breit. Bei einer Matrosenversammlung im Vergnügungslokal "Schloßhof" in der Holtenauer Straße versuchte Gustav Noske die Soldaten davon zu überzeugen, wieder zur ursprünglichen Ordnung zurückzukehren. Die Regierung würde sich auf politische Reformen einlassen und man könne auch über eine Amnestie reden. Gustav Garbe aber stellte sich gegen seinen Berliner Genossen an die Seite der Matrosen und machte deutlich, dass es sich nicht um eine von außen nach Kiel gebrachte Bewegung handle, sondern dass große Teile der Kieler Bevölkerung sie zu ihrer eigenen Sache gemacht hätten. Ein eindrucksvoller Schulterschluss zwischen Arbeitern und Matrosen.[31]

Donnerstag, 7. November

Aufruf des Kieler Arbeiter- und Soldatenrates an die Schleswig-Holsteinische Bevölkerung

Gustav Noske ließ sich vom Soldatenrat zum Gouverneur wählen. Der bisherige Gouverneur Admiral Souchon übergab das Amt und teilte dem Reichsmarineamt in einem Telegramm mit, dass dies die einzige Möglichkeit sei, Ruhe in den Aufstand zu bringen. Damit übergab der letzte Repräsentant des Kaisers das Kommando an einen Repräsentanten der Reichstagsmehrheit. Stolz erinnerte sich der neue Gouverneur später:

"Zum erstenmal wohl in der Weltgeschichte war damit einem Mann, der nie Soldat gewesen war, das Kommando über rund 80000 Soldaten übertragen worden."[32]

Lothar Popp, 1920er

Lothar Popp übernahm von ihm den Vorsitz des Soldatenrates.[33] Der Arbeiter- und Soldatenrat wandte sich mit einem Aufruf an die Bevölkerung Schleswig-Holsteins und kündigte an, eine provisorische Provinzialregierung zu bilden. Seine Bestrebungen gingen also deutlich über Kiel hinaus.

Die Lage in Kiel war damit weitgehend stabilisiert; der Fokus rückte nach Berlin.[34]

Freitag, 8. November

Matrosen trugen seit dem 3. November die revolutionäre Botschaft ins Land. In den Folgetagen gründeten sich Arbeiter- und Soldatenräte in zahlreichen norddeutschen Küstenstädten, ab dem 7. November auch im Binnenland. Am Nachmittag des 8. November traf in Neustadt in Holstein eine vierköpfige Abordnung des Kieler Arbeiter- und Soldatenrates auf einem Pferdewagen ein. Da niemand Widerstand leistete, übernahm sie Wache und Rathaus und schickte die Mannschaften der in der Stadt liegenden Landsturm-Kompanie für die nächsten 14 Tage nach Hause. In einer Arbeiterversammlung im "Tivoli" wurde dann am Abend ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Die Abgesandten aus Kiel sollen die Kriegskasse der Landsturmkompanie mitgenommen haben und nach Oldenburg weitergezogen sein.[35]

Sonnabend, 9. November

Die SPD Neumünster erinnerte sich 1927 daran, wie die Revolution ihre Stadt erreichte:

"Mit dem Ausbruch der Revolution in Kiel schlugen die Wellen derselben sofort nach hier über, trotzdem blieb die hiesige Garnison fest, und war es möglich, zur Unterdrückung resp. Eindämmung des Herdes, von hier Militär nach Kiel zu entsenden. Die Lorbeeren dieses Feldzuges waren aber deprimierend und die Entsendung ein vollständiger Fehlschlag. Erst mit dem Umsturz in Berlin am 9. November kam auch die Sache hier in Neumünster ins Rollen. Am Abend diese Tages wurden die Mannschaften in verschiedenen Lokalen zur Bildung eines Soldatenrates zusammengerufen. Die gewählten Mitglieder des Soldatenrates traten gleich darauf zusammen, um sich zu konstituieren. Als Vorsitzender wurde einstimmig der Unteroffizier Katz vom Ersatz-Batl. 163 gewählt. Ein Marineoberfeuerwerker aus Kiel gab einen eingehenden Bericht über die Ursache und Entstehung der Bewegung am 5. und 6. November in Kiel. Zur gleichen Zeit tagten die am Orte noch ansässigen Genossen im Gewerkschaftshaus. Nach einer kurzen Darlegung der augenblicklichen Lage wurde von den Genossen ein Arbeiterrat von 16 Personen gewählt. Gewählt wurden ausschließlich Mitglieder der SPD, obgleich die USPD schon den ganzen Tag ihre aus Kiel gesandten Agitatoren hatte arbeiten lassen. Zum Vorsitzenden des Arbeiterrats wurde Genosse M. Richter gewählt. Der A.- und S.-Rats trat sofort in Tätigkeit und übernahm die ausführende Macht. Eine nach der Wahl des A.- und S.-Rats von diesem erlassene Proklamation setze die Bevölkerung von den gegebenen Tatsachen in Kenntnis. Die Geschäftsführung des A.- und S.-Rats war eingeteilt in die zentrale Militärverwaltung, Gerichtsangelegenheiten, Kommunalverwaltung, Verkehr und Ernährung sowie die Presse. Die Stadtverwaltung suchte sich bald den neuen Verhältnissen anzupassen."[36]

Mittags gegen 12 Uhr erscheint eine Abordnung der Revolutionäre bei der Dienstvilla des Oberpräsidenten von Schleswig-Holstein im Schwanenweg 24. Der Sprecher der Gruppe ist der SPD Parteisekretär und ehrenamtliche Stadtrat Wilhelm Poller. Er erklärt dem Oberpräsidenten Friedrich von Moltke, dass der Kieler Arbeiterrat die Regierung im Lande übernehme und stellte ihm den MSPD Landesvorsitzenden Heinrich Kürbis zur Seite.[15]

Philipp Scheidemann ruft die Republik aus

In Berlin verkündete Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers. Um 14 Uhr rief Philipp Scheidemann die Republik aus:

"Das alte und morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!"

Der Kaiser ging am 10. November in Holland ins Exil. Dies war das Ende des Kaiserreichs, das knapp 50 Jahre Bestand gehabt hatte, und der Beginn der ersten Demokratie in Deutschland. Als 14-jähriges Schulkind erlebt der spätere Landesvorsitzende Walter Damm die Revolution in der Industriestadt Wandsbek nahe Hamburg:

"In unserer Nachbarschaft wohnte eine große Anzahl organisierter Arbeiter, sie gehörten fast alle der gerade gegründeten USPD an. Wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kamen, bildeten ihre Diskussion für uns Kinder einen interessanten Stoff zum Zuhören. Die Diskussionen gingen meistens um den Stand der Revolution und um die Frage, wie sich das Militär, nämlich die Husaren und Dragoner, in Wandsbek verhalten würde. [..] Wir sahen schon Matrosen mit ihren roten Bändern um ihre Mützen, die von Kiel gekommen waren, sahen aber auch eine Anzahl von Bekannten, von denen man lange nichts mehr gehört hatte, die sich irgendwo als Deserteure versteckt aufhielten und nun wieder auftauchten, um sich in den Revolutionsablauf einzuschalten. Man erzählte von Kiel, davon, daß auf dem Hamburger Hauptbahnhof sich sog. Arbeiter- und Soldatenräte versammelten, von den Verhandlungen mit den beiden Kavallerieregimenten. Zu ernsthafteren Auseinandersetzungen kam es in Wandsbek jedoch nicht, denn beide Kavallerieregimenter zogen bald mit Pferd und Wagen ab und sollen sich alsbald aufgelöst haben. In jenen Diskussionen fielen auch sehr oft anerkennende Bemerkungen über Noske, der in Kiel die Dinge zu lenken und zu leiten versuchte, ebenso über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, von denen ich hier zum ersten Mal hörte."[37]

Gräber

Die zivilen Opfer des Arbeiter- und Matrosenaufstandes wurden auf dem Parkfriedhof Eichhof bestattet, die militärischen auf dem Nordfriedhof. Die Anlage auf dem Eichhof mit ihrem zentralen Gedenkstein überlebte auf geradezu kuriose Weise die NS-Zeit; allerdings wurden im November 1934 SPD-Mitglieder verhaftet, während sie die Schrift des Gedenksteins erneuerten.[38] Ab 1945 versammelte sich die SPD dort viele Jahre lang jeweils am Jahrestag zu Gedenkveranstaltungen.

Folgen

Stele zur Erinnerung an den Kapp-Putsch in der Bergstraße Ecke Lorentzendamm

Vom 5. bis 12. Januar 1919 fand der Spartakusaufstand statt. Er blieb im Wesentlichen auf Berlin begrenzt.

"Als die Ende Dezember 1918 von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründete Kommunistische Partei Deutschlands gegen den Willen Luxemburgs zum 'Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann' aufrief, war das nichts anderes als der Versuch, die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung, die auf den 19. Januar 1919 angesetzt waren, mit Gewalt zu verhindern. Bei allem, was man im Zusammenhang mit der Niederschlagung des sogenannten Spartakusaufstands den regierenden Sozialdemokraten um Friedrich Ebert vorhalten muss: Hätten sie der linksradikalen Minderheit der Berliner Arbeiterschaft nicht Einhalt geboten, wären die Deutschen um die Ausübung ihres politischen Selbstbestimmungsrechts gebracht worden. Das Ergebnis wäre ein gesellschaftliches Chaos, ein landesweiter Bürgerkrieg und ein Einmarsch der Alliierten gewesen."[39]

Der rechtsgerichtete Kapp-Putsch vom März 1920 brachte hingegen auch wieder Kämpfe in Kiel, konnte aber niedergeschlagen werden, nicht zuletzt durch einen Generalstreik der deutschen Arbeiterschaft, der auch in Kiel diszipliniert durchgehalten wurde.

Gedenken

SPD-Parteitag 1927

Beim Reichsparteitag 1927 in Kiel erinnerte der SPD-Vorsitzende Hermann Müller in seiner Eröffnungsrede an den Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand:

"Als Carl Legien hier in Kiel tätig war, war Kiel eine aufstrebende Stadt. Es kam dann die Zeit des Niederganges, und wir wollen keine Stunde vergessen, daß wir diesen Niedergang unseres Vaterlandes den Verbrechern am Wiener Ballplatz [sic!] sowie ihren Berliner Helfershelfern verdanken, die Deutschland in diesen Weltkrieg hineingerissen haben. (Bravo!) Auch die in Berlin waren mitverantwortlich, und für diejenigen, die an dem Alten hängen, ist Kiel geradezu das Schreckenswort geworden, weil von Kiel das Signal zur deutschen Revolution ausging, weil hier zuerst im November 1918 Deutsche die Geduld verloren haben, nachdem sie jahrelang angelogen und mit einem Siegfrieden getäuscht worden waren, der dieser Welt von Feinden gegenüber niemals zu erreichen war. Die Kieler Revolution war der Schritt Verzweifelter in eine dunkle Zukunft. Damals haben sich nicht nur im In-, sondern auch im Auslande Freunde Deutschlands oft ängstlich die Frage vorgelegt, ob Deutschland dem Chaos verfallen würde, ob im chaotischen Zustand das Reich auseinandergerissen werden könnte. Ich war am 7. und 8. November 1918, am vierten und am fünften Tage der Kieler Revolution, mit Hugo Haase zusammen, hier. Wer damals sah, wie die Kieler Sozialdemokratie bereit war, das Chaos zu vermeiden, der hat den Glauben an die deutsche Zukunft mit in die Revolution des 9. November hinübergenommen. Es ist uns in schwerer Zeit gelungen, Neuland für den deutschen Wiederaufbau zu schaffen [...]"[40]

Nach dem Neubeginn

Bereits 1946 erinnerte die SPD durch eine Veranstaltung an den Revolutionsgräbern auf dem Parkfriedhof Eichhof wieder an die Novemberrevolution, die Revolutionsopfer und die Opfer des Faschismus. Ob dies jedes Jahr wiederholt wurde, ist noch nicht ermittelt, aber das Bemühen blieb spürbar, dem negativen Bild der Revolution und der Beteiligten am linken und rechten Rand - dem Vorwurf, es sei keine "richtige" Revolution gewesen, ebenso wie der Abqualifizierung der Matrosen als "Meuterer" - entgegenzuwirken. Ab den späten 1970er Jahren ist dieses Anliegen in der SPD mit dem Namen von Rolf Johanning verbunden, etwa ab 2008 dann vor allem mit Rolf Fischer, der die positivere Sichtweise auf die Novemberrevolution als Geburtsstunde der ersten Demokratie in Deutschland in Reden, Fachveranstaltungen und Stadtführungen offensiv vertrat. Wie sich spätestens zum 100. Jahrestag 2018 zeigte, hat mittlerweile ein erhebliches Umdenken stattgefunden.

Aufgrund einer Analyse der Hamburger Verhältnisse wurde schon 1971 beispielhaft formuliert:

"Es war nicht allein doktrinäre Intransigenz oder, wie man gemeint hat, politische Phantasielosigkeit, die die sozialdemokratische Opposition gegen den Rätegedanken hervorrief, sondern in weit stärkerem Maße, als es in den oft allzu theoretischen Erwägungen ihrer Kritiker wie ihrer damaligen politischen Gegner zum Ausdruck kommt, war die sozialdemokratische Haltung bestimmt von einer nüchternen Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse. Die sozialdemokratischen Führer erkannten, daß die Räte weder im Bürgertum noch in weiten Teilen der Arbeiterschaft - das Ergebnis der Wahlen zur Nationalversammlung bestätigte das - akzeptiert wurden und daß somit ein Eintreten für sie nur die Position ihrer Partei bei kommenden allgemeinen Wahlen schwächen konnte. Vor allem aber sahen sie in ihnen eine Gefährdung der Position der Gewerkschaften, die sie wegen ihrer engen Verbindung mit diesen nicht hinnehmen konnten, wollten sie nicht Struktur und Charakter ihrer Partei grundlegend ändern. Das vielfach dilettantische und konzeptionslose Vorgehen der Räteorgane sowie der doktrinäre Radikalismus der anfänglich in ihnen tonangebenden Kräfte konnte darüber hinaus die Abneigung gegen sie bei den führenden sozialdemokratischen Funktionären nur noch steigern."[41]

Eine "reale Chance, mit den Räten die Demokratisierung durchzusetzen"[42], habe weder in Hamburg noch im Reich bestanden. Der Autor weist auch darauf hin, dass es die Sozialdemokraten niemandem recht machen konnten: Den Linken waren sie zu reformistisch, den Konservativen selbst in ihrem Bemühen, eine "vorsichtige und maßvolle Politik" mit Zugeständnissen an die alten bürgerlichen Kreise der Hansestadt zu verfolgen, zu radikal.[43] Dies dürfte in ähnlicher Weise auch für Kiel gegolten haben.

Einige weitere Stationen auf dem Weg zur Neubewertung:

  • 1968 beging die SPD mit Kundgebungen an den Gräbern und im Kieler Schloß den 50. Jahrestag der Novemberereignisse.
  • 1982 konnte das "Breuste-Denkmal" oder "Revolutionsdenkmal" eingeweiht werden. (Näheres siehe unten.)
  • Seit 1978 informiert eine Gedenktafel am Kieler Gewerkschaftshaus: "In diesem Haus tagte Anfang November 1918 der Kieler Arbeiter- und Soldatenrat. Er gab den entscheidenden Anstoss zur Ausrufung der ersten deutschen Republik am 9. November 1918 in Berlin."
  • Anläßlich der Festveranstaltung '125 Jahre SPD Schleswig-Holstein' am 10. September 1988 legte der Kreisvorsitzende Peter Andersen am Revolutionsdenkmal einen Kranz nieder.
  • Am 7. November 1998 schalteten die Kieler SPD und die Landes-SPD eine gemeinsame Gedenkanzeige in den Kieler Nachrichten.
  • Die AWO Kiel ließ am Haus Feldstr. 5 (früher Karlstraße) ein Messingrelief mit dem Text anbringen: "Am 3. November 1918 demonstrierten Matrosen und Arbeiter in Kiel gegen den Krieg, für Freiheit und Frieden und Brot. Gegen 19.00 Uhr erreichten sie diese Straßenecke. Eine Kompanie kaisertreuer Soldaten schoß in die Menge. Zurück blieben 7 Tote und 29 Verletzte. [...]" (Siehe Bild unter "3. November", rechts)
  • Zum 90. Jahrestag 2008 organisierte Rolf Fischer zusammen mit der Juso-Hochschulgruppe einen gut besuchten Kongress zum Thema mit dem Historiker Prof. Dr. Peter Brandt.
  • Am 3. November 2012 lud Rolf Fischer zu einer Fahrt zu den Orten der Revolution in Kiel ein.
  • In den Jahren danach fand - unterstützt von der Stadtverwaltung und vielen interessierten Organisationen - jedes Jahr eine große Veranstaltung zur Revolution statt; die 100. Wiederkehr des Ereignisses wurde mit einem ganzjährigen, vielfältigen und von vielen organisierten Programm gefeiert.
  • Ebenfalls 2019 wurde an der Feldstraße Ecke Harro-Schulze-Boysen-Weg eine Info-Stele über die Marine-Arrestanstalt, das Ziel des Demonstrationszuges vom 3. November 1918, aufgestellt.

Das "Breuste-Denkmal"

Revolutionsdenkmal im Kieler Ratsdienergarten von Hans-Jürgen Breuste

Seit 1982 steht im Ratsdienergarten am Jensendamm das Denkmal "Wik" oder "Feuer aus den Kesseln", eine Skulptur aus Granit und Cor-Ten-Stahl von Hans-Jürgen Breuste.

"Für den Künstler sind die Granitsäulen ein Symbol der Macht, während die scheinbar im Boden versinkenden Stahlkörper die Auflösung des alten Staatsgefüges darstellen. Die alte Macht wird aus ihrer Verankerung gerissen, das Untere nach oben gekehrt."[44]

Die Skulptur wurde zur Erinnerung an die Ereignisse vom November 1918 von der Stadt auf Beschluss der Ratsversammlung 1978 in Auftrag gegeben. Vorangegangen waren grundsätzliche Auseinandersetzungen über den Charakter des Arbeiter- und Matrosenaufstandes. 1982 weihte einer der Initiatoren, Kulturdezernent Rolf Johanning, die Skulptur ein. Als einziges Mitglied der CDU-Fraktion - die dieses Denkmal bis zuletzt bekämpfte - nahm Stadtpräsident Eckart Sauerbaum an der Feier teil. Danach begann ein allmählicher Wandel hin zu einer positiveren Bewertung der Ereignisse.

Seit vielen Jahren treffen sich die Kieler Genossinnen und Genossen mit den Kolleginnen und Kollegen vom DGB zum Gedenken am 9. November nicht mehr vor den Gräbern auf dem Eichhof, sondern am Revolutionsdenkmal, und legen zum Gedenken an die Opfer des Kampfes un´m die Demokratie in Deutschland einen Kranz nieder, in den letzten Jahren verbunden mit einer kleinen Veranstaltung. 2017 und 2018 lasen Mitglieder des AK Geschichte der Kieler SPD dort zeitgenössische Texte zum Gedenken[45].2019 wurde das Denkmal symbolisch verhüllt. Während der Pandemie 2020 fand ein stilles Gedenken ohne großes Publikum statt; der AK Geschichte hatte rund um das Denkmal Plakate mit Forderungen aus der Revolution aufgestellt. 2021 wurde das Gedenken auf den 8. November abends verlegt; das Denkmal war in den Farben Blau (statt Schwarz)-Rot-Gold beleuchtet, dazu las der AK Geschichte Texte von Ernst Toller, Kurt Tucholsky und Alfred Döblin.

Platz der Kieler Matrosen

Am 1. November 2013 enthüllte Kulturdezernent Wolfgang Röttgers für die Landeshauptstadt Kiel auf dem Platz der Kieler Matrosen vor dem Kieler Hauptbahnhof eine Stele zur Erinnerung an die Revolution. Der Text lautet:

2013 errichtete Stele auf dem Platz der Kieler Matrosen

"Das Ende des Deutschen Kaiserreiches im November 1918 nahm seinen Anfang in Kiel. Obwohl Deutschland den Ersten Weltkrieg bereits verloren hatte, sollte die Hochseeflotte im Oktober noch einmal in einen aussichtslosen Kampf geschickt werden. Teile der Besatzungen leisteten dagegen Widerstand. Was in Wilhelmshaven als Meuterei begann, wurde in Kiel zu einem breiten Aufstand. Hier verbündeten sich die aufständischen Matrosen mit der organisierten Arbeiterschaft. Am 3. November marschierte ein bewaffneter Zug mit mehr als 5.000 Demonstranten durch Kiel. Am Bahnhof gab es ein erstes Todesopfer. An der Brunswiker Straße kam es zu einer Schießerei mit sieben Toten und 29 Verletzten. Das Blutvergießen führte zu einer breiten politischen Massenbewegung. Es wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet, der revolutionäre Forderungen formulierte. Am 9. November erfasste die Revolution Berlin. Kaiser Wilhelm II. musste abdanken und der SPD-Politiker Philipp Scheidemann proklamierte die Geburt der Deutschen Republik, allgemein bekannt als die 'Weimarer Republik'."

Das dazu gezeigte Foto hat sich mittlerweile als aus Berlin stammend herausgestellt, wenn darauf auch aus Kiel angereiste Einheiten zu sehen sind.

Bei der deutschen Bezeichnung wurde säuberlich vermieden, anzudeuten, welche Kieler Matrosen gemeint waren. Die englische Übertragung des Textes benennt den Platz dagegen klar als Kiel Mutiny Memorial Square. Weiter heißt es im englischen Text:

"The fall of the German Empire in November 1918 began in Kiel. Although Germany had effectively lost World War I, the High Seas Fleet was still ordered once more into a hopeless battle. Some of the sailors resisted. What began as a mutiny in Wilhelmshaven became a broad rebellion in Kiel, where the mutinying sailors were joined by organized trade unions. On the 3rd of November 1918, more than 5,000 demonstrators marched through Kiel. Fighting at the central station led to the movement's first victims. A shootout on Brunswiker Straße left seven dead and 29 injured. The bloodshed gave birth to a broad political mass movement. A workers and solidarity [sic!] council was founded, which formulated revolutionary demands. On the 9th of November, the revolution reached Berlin. Emperor Wilhelm II was forced to abdicate and Philipp Scheidemann proclaimed the birth of the 'German Republic', commonly known as the 'Weimar Republic'."

Es ist sicher nicht einfach, ein so komplexes Geschehen angemessen und korrekt in 150 Wörter zu fassen ...

Literatur

  • Auge, Oliver: Problemfall Matrosenaufstand. Kiels Schwierigkeiten im Umgang mit einem Schlüsseldatum seiner und der deutschen Geschichte, in: Demokratische Geschichte 25(2014), S. 307-328
  • Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 241-258
  • Dähnhardt, Dirk: Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19. (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 64, Neumünster 1978) ISBN 3-529-02636-0. (Zugleich: Kiel, Univ., Diss., 1977).
  • Danker, Uwe: Revolutionsstadt Kiel. Ausgangsort für die erste deutsche Demokratie, in: Demokratische Geschichte 25(2014), S. 285-306
  • Beier, Gerhard: Carl Legien, die Gewerkschaften und die Kieler Revolution, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 67 (1980), S. 189-210
  • Erdmann, Karl Dietrich: Rätestaat oder parlamentarische Demokratie? Neuere Forschungen zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 68 (1981-1983), S. 182-200
  • Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution. Beiträge zum Kongress der Kieler SPD zum 90. Jahrestag der Revolution 1918 (Kiel 2009)
  • Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  • Fischer, Rolf: "Mit uns die neue Zeit!" Kiels Sozialdemokratie im Kaiserreich und in der Revolution (Geschichte der Kieler Sozialdemokratie, Band II: 1900 - 1920) (Kiel 2013) ISBN 987-3-86935-196-4
  • Fischer, Rolf (Hrsg.): Sehnsucht nach Demokratie. Neue Aspekte der Kieler Revolution 1918 (Kiel 2020), ISBN 9783869353906
  • Hoop, Edward: November 1918 – Die Revolution in Rendsburg, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 269-275
  • Kuhl, Klaus: Kiel und die Revolution von 1918. Das Tagebuch eines Werftingenieurs, verfasst in den Jahren 1917-1919 (Berlin 2018) ISBN 9783631758571
  • Pohl, Karl Heinrich: Die Revolution von 1918/19 in Deutschland, in: Demokratische Geschichte 11(1998), S. 73-86
  • Popp, Lothar/Artelt, Karl: Ursprung und Entwicklung der November-Revolution 1918 (Kiel 1918, Neudruck in Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983, S. III-3 - III-30)
  • Prinz, Ernst: Erinnerungen eines Kieler Architekten und Die Revolution in Kiel 1918 nach Tagebucheintragungen vom 6. November 1918, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 57 (1970), S. 109-134
  • Rackwitz, Martin: Kiel 1918. Revolution - Aufbruch zu Demokratie und Republik (Sonderveröffentlichung 87 der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Wachholtz Verlag, Hamburg/Kiel 2018) ISBN 978-3-529-05174-6
  • Rausch, Bernhard: Am Springquell der Revolution. Die Kieler Matrosenerhebung, (Kiel 1918, Neudruck in Zur Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung, Kiel 1983, S. II-3 - II-31)
  • Schulte, Rolf: Revolution in der Provinz: Eckernförde 1918, in: Demokratische Geschichte 2(1987), S. 93-114
  • Siegfried, Detlef: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917 - 1922 (Wiesbaden 2004)
  • Völcker, Gertrud: Erinnerungen. 50 Jahre Öffentlichkeitsarbeit. Teil I: Bis 1945 (Unveröff. Typoskript, Kiel 1974) [Stadtarchiv Kiel]
  • Wette, Wolfram: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918 (Heide 2010) ISBN 978-3-8042-1322-7

Links

Andere Orte der Revolution in Schleswig-Holstein

Einzelnachweise

  1. Wette: Gustav Noske, S. 14
  2. Colmorgen / Liesching: Denkmal, S. 249
  3. Rausch: Springquell, S. II-19
  4. Kuhl, Klaus: "Zeitleiste Kieler Matrosenaufstand"
  5. Kuhl, Klaus: "Zeitleiste Kieler Matrosenaufstand"
  6. Wette: Gustav Noske, S. 17
  7. Wette: Gustav Noske, S. 15
  8. Kuhl, Klaus: "Zeitleiste Kieler Matrosenaufstand"
  9. Wette: Gustav Noske, S. 15
  10. Wette: Gustav Noske, S. 15 f.
  11. Völcker: Erinnerungen, S. 11 f.
  12. Wette: Gustav Noske, S. 18
  13. Brandt, Peter in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  14. Kuhl, Klaus: "Zeitleiste Kieler Matrosenaufstand"
  15. 15,0 15,1 Fischer, Rolf: Der Kieler Polizeipräsident Wilhelm Poller - eine biografische Skizze In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 90, Heft 3, Seite 128ff (2021)
  16. Kuhl, Klaus: "Zeitleiste Kieler Matrosenaufstand"
  17. Kuhl, Klaus: "Audio- und Video-Interviews mit Martha Riedl (geb. Ehlers) über den Kieler Matrosenaufstand November 1918 und den Kapp-Putsch in Kiel März 1920", 10.3.1990, Abgetippt von Klaus Kuhl, Nov. 2005
  18. Noske, Gustav: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution (Berlin 1920) S. 11
  19. Wette: Gustav Noske, S. 21 f.
  20. Kuhl, Klaus: Verhandlungen im Gouvernement Kiel am 4. November 1918, 21:00 – 0:15 Uhr zwischen dem Gouverneur und weiteren Offizieren, dem Soldatenrat, dem Arbeiterrat, Vertretern der sozialdemokratischen Parteien und den von Berlin entsandten Vertretern der Regierung Haußmann und Noske, sowie weiterer Personen, Dezember 2017
  21. Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, 5.11.1918
  22. Brandt, Peter in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  23. Dähnhardt: Revolution, S. 91 f.
  24. Kuhl, Klaus in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  25. Kuhl, Klaus in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  26. Geckeler, Christa: "Matrosenaufstand in Kiel: Beginn der deutschen Revolution"
  27. Jensen, Jürgen in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  28. Wette: Gustav Noske, S. 50
  29. Wette: Gustav Noske, S. 51
  30. Jensen, Jürgen in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  31. Kuhl, Klaus in: Fischer, Rolf (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19 (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 67, Kiel 2011) ISBN 978-3-86935-059-2
  32. Noske, Gustav: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution (Berlin 1920) S. 26
  33. Colmorgen / Liesching: Denkmal, S. 250
  34. Wette: Gustav Noske, S. 49
  35. SPD Neustadt: "1902-2003 | 100 Jahre SPD Neustadt in Holstein" (Neustadt, 2003)
  36. SPD Neumünster: Festschrift zum 60-jährigen Bestehen der Sozialdemokratischen Parteiorganisation Neumünster (Neumünster 1927, Nachdruck 1987 durch den SPD-Kreisverband Neumünster anläßlich des 120jährigen Bestehens der SPD Neumünster)
  37. Krohn, Claus-Dieter (Hrsg.): Walter Damm. Arbeiter, Landrat und Flüchtlingsminister in Schleswig-Holstein (Bonn 1978), S. ?
  38. Colmorgen, Eckhard / Liesching, Bernhard: Ein Denkmal der Novemberrevolution 1918 in Kiel, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 244
  39. Winkler, Heinrich August: Mehr Revolution wagen?, DIE ZEIT, 21.2.2019, S. 6-7
  40. Protokoll des Parteitags
  41. Witt, Friedrich-Wilhelm: Die Hamburger Sozialdemokratie in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Jahre 1929/30-1933 (Diss., Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1971), S. 24 f.
  42. Witt, Friedrich-Wilhelm: Die Hamburger Sozialdemokratie in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Jahre 1929/30-1933 (Diss., Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1971), S. 25
  43. Witt, Friedrich-Wilhelm: Die Hamburger Sozialdemokratie in der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Jahre 1929/30-1933 (Diss., Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1971), S. 27 f.
  44. Kulturspuren Matrosenaufstand: Denkmal Wik auf den Seiten der Landeshauptstadt Kiel, abgerufen 11.11.2017
  45. Udo Carstens: Appell zu Frieden und Freiheit am Denkmal für die Matrosen von 1918, sh.z, 9.11.2017, abgerufen 10.11.2017