Victor Andersen
| Victor Andersen |
Jens Victor Emanuel Andersen, * 10. Oktober 1907 in Sönderotting, Gem. Hadersleben (heute Dänemark); † 31. Mai 1995 in Uetersen; Maschinenbauer, Jugendpfleger. Mitglied der SPD ab 1924.[1]
Leben & Beruf
Victor Andersen stammte aus einer politisch aktiven sozialdemokratischen Arbeiterfamilie, die ab 1909 in Uetersen lebte. Sein Vater, der Bäcker Andreas Petersen Andersen, der seinen Namen später zu Peter P. Andersen verkürzte, war Gewerkschaftsvorsitzender vor Ort und engagiertes Mitglied der SPD, zeitweise auch Ortsvorsitzender.
Der Mutter Emma, geb. Sperati, die aus einer in Skandinavien lebenden italienischen Musikerfamilie stammte, verdankte er seine italienischen Vornamen. In der Familie, die noch eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder umfasste, wurde üblicherweise Dänisch oder Schwedisch gesprochen, mit den Freunden sprach der junge Victor Plattdeutsch. "So war er nicht nur in verschiedenen Sprachen heimisch, sondern durch die Herkunft seiner Eltern hatte er einen weiten Horizont, vielseitige Interessen und eine bemerkenswerte Selbstsicherheit, wie sich in seinem späteren Leben zeigte."[2]
Die politische Haltung der Familie prägte ihn früh. Bereits in seiner Jugend entwickelte er eine klare republikanische und antifaschistische Grundhaltung.
Ab 1919 widmete er sich intensiv dem Arbeitersport und nahm 1925 an der Arbeiterolympiade in Frankfurt/Main teil. Dieses Training, so meinte er im Rückblick, habe ihm ermöglicht, die Verfolgung und Misshandlungen durch die Nazis zu überstehen.[3]
Partei & Politik
Victor Andersen trat am 1924 der SPD bei. In der Endphase der Weimarer Republik engagierte er sich aktiv im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einer republikschützenden Organisation der Arbeiterbewegung. In Uetersen war er Leiter einer etwa 20 Mitglieder starken Schutzformation (Schufo), die Veranstaltungen der SPD gegen Angriffe von SA, SS, aber auch der Kommunisten absicherte, mit denen es aber ungeachtet der ideologischen Differenzen in Uetersen eine enge Zusammenarbeit gab.
Im Dezember 1932 reisten mehrere Hundert Angehörige der SS zu einem Aufmarsch in Uetersen an. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere Reichsbanner-Mitglieder verhinderten diesen gemeinsam; es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen.
NS-Herrschaft
Am 18. Februar 1933 kamen in Uetersen mehrere Hundert Menschen zu einer großen antifaschistischen Demonstration zusammen.
Peter P. Andersen wurde beim Sturm auf die Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 verhaftet und ins Konzentrationslager Glückstadt verschleppt, allerdings nach etwa einer Woche wieder freigelassen.
Victor Andersen beteiligte sich von Anfang an an "illegalen" Widerstandsaktivitäten. Zu den engsten Freunden seiner Familie gehörte der kommunistische Stadtverordnete und Widerstandskämpfer Hans Britten. In Uetersen bestanden enge persönliche Kontakte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die trotz parteipolitischer Differenzen gemeinsam Widerstand leisteten. Im Rückblick war Victor Andersen überzeugt, "daß die Nazis nicht an die Macht gekommen wären, wenn die Arbeiterbewegung überall so stark und so einig gewesen wäre wie in Uetersen".[4]
Zu den Aktivitäten gehörten die Herstellung und Verbreitung illegaler Flugblätter und Zeitungen. Diese wurden unter anderem in einer Scheune hergestellt und überregional verbreitet. Konspirative Treffen fanden an wechselnden Orten statt, darunter auf dem Uetersener Friedhof, am Deich der Pinnau, auf Segelbooten sowie auf der Elbinsel Pagensand.
Ein Unterstützer der Widerstandsarbeit war der frühere Uetersener Polizeihauptwachtmeister Wilhelm Lüdemann, der bereits während des Kapp-Putschs 1920 politisch aktiv gewesen war. Lüdemann stellte unter anderem sein Segelboot für konspirative Treffen zur Verfügung.
Ende 1934 nahm die Gestapo im Kreis Pinneberg umfangreiche Verhaftungen vor. Victor Andersen wurde am 19. Dezember festgenommen, im Verhör misshandelt und zunächst in das Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel (Kola-Fu) eingeliefert. Anschließend schickte man ihn ins KZ Esterwegen, wo er dem ebenfalls dort gefangenen Publizisten Carl von Ossietzky begegnete.
Erst ein Jahr später, am 16. Dezember 1935, verurteilte ihn das Kammergericht Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus. Die Haft verbüßte er im Zuchthaus Rendsburg und im emsländischen Strafgefangenenlager Aschendorfer Moor.
Nach seiner Haftentlassung Schließlich wurde er als politisch vorbelasteter Häftling in die Strafdivision 999 der Wehrmacht eingezogen und war unter anderem auf Korfu und in Albanien eingesetzt.
Wiederaufbau
Nach dem Ende der NS-Herrschaft kehrte Victor Andersen nach Uetersen zurück. Er wurde Kreisjugendpfleger und Sportreferent des Kreises Pinneberg.
In der Nachkriegszeit engagierte er sich in der politischen Bildungsarbeit und stand als Zeitzeuge an Schulen, bei Gedenkveranstaltungen und in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zur Verfügung. Er war Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und setzte sich zeitlebens für Demokratie, Antifaschismus und historische Aufklärung ein.
Noch kurz vor seinem Tod nahm er an Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs teil.
Ehrungen
1997 erhielt die Jugendbildungsstätte des Kreisjugendrings Pinneberg in Barmstedt den Namen Victor-Andersen-Haus.[5]
Seit 2008 gibt es in Uetersen den Victor-Andersen-Weg.
Stimmen
Der Autor Herbert Diercks schreibt: "Ich erlebte in Victor Andersen einen äußerst freundlichen und zugleich bescheidenen Menschen, der mit jeder Faser seines Körpers Antifaschist, Demokrat, Republikaner war. Aus innerster Überzeugung trat er vor Schulklassen, um am Beispiel seiner persönlichen Erfahrungen vor neuen Gefahren wie Ausländerfeindlichkeit und Neofaschismus zu warnen."[3] An anderer Stelle heißt es, dieser sei "ein sehr großzügiger Mensch" gewesen.[4]
Literatur & Links
- Diercks, Herbert: Die Freiheit lebt! Widerstand und Verfolgung im Kreis Pinneberg 1933–1945 (Hamburg 1983)
- Diercks, Herbert: Zum Tode von Victor Andersen, Informationen zur schleswig-holsteinischen Zeitgeschichte, Heft 28 (Hg. AKENS, Kiel, Dezember 1995), S. 71-74, zitiert als Diercks, Nachruf
- Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS): Dokumentationen zum Widerstand im Kreis Pinneberg
- Spurensuche: Biografie von Victor Andersen
Einzelnachweise
- ↑ Dieser Eintrag beruht, soweit nicht anders angegeben, auf der Biografie von Victor Andersen in der Spurensuche des Fördervereins Gegen das Vergessen – Spurensuche im Kreis Pinneberg und Umgebung 1933-1945 e.V.
- ↑ Spurensuche: Victor Andersen
- ↑ 3,0 3,1 Diercks, Nachruf, S. 73
- ↑ 4,0 4,1 Diercks, Nachruf, S. 71
- ↑ Wikipedia: Victor-Andersen-Haus

