Konsumverein

Aus SPD Geschichtswerkstatt

Konsumvereine sind Genossenschaften, die Nahrungs- und Genussmittel sowie verwandte Waren des täglichen Bedarfs beschafft und verkauft. Ihre Blütezeit hatten sie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts.

Vorgeschichte

Konsumvereine hatte es auch vorher schon ausgehend von Großbritannien gegeben - zunächst aber vor allem für das Bürgertum. Die Arbeiterbewegung lehnte Genossenschaften zunächst als revisionistisch ab, weil sie das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter innerhalb des bestehenden Kapitalismus verbesserten. Die Arbeiterbewegung setzte auf die Revolution und die Überwindung des Kapitalismus stattdessen.[1] Die Genossenschaftsidee war in Schleswig-Holstein sogar Thema des ersten Parteitags. Nach intensiver Diskussion wurde eine Resolution beschlossen, die besagte:[2]

"Der Schleswig-Holstein'sche Arbeitertag erklärt nach gründlicher Erörterung: die von Schulze empfohlene Palliativmittel sind nicht fähig den Arbeiterstrand aus seiner jetzigen elenden Lage zu befreien; und da sie den Arbeiter von de richtigen Erkenntnis seiner Klassenlage abziehen, zu verwerfen. Der Arbeitertag erkennt ferner an: daß nur auf dem von F. Lassalle angegeben Wege eine wirkliche Hülfe für den Arbeiterstand zu finden ist. Deshalb verpflichten sich die Delegierten mit aller Kraft für die Ausbreitung und Erkenntnis dieser Lehre zu wirken."

Gründung

Hamburg, Kontorhaus Besenbinderhof 52, ehemalige Verwaltung der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H. (GEG)

Diese Einstellung änderte sich in der Zeit nach dem Ende des Sozialistengesetzes.[1] 1899 wurde der Konsum-, Bau- und Sparverein "Produktion" in Hamburg gegründet, der fortan als Vorbild für viele Konsumvereine in Deutschland. Noch im gleichen Jahr wurde beispielsweise der Konsumverein Kiel gegründet. Zwischen 1899 und 1904 entstanden Konsumvereine in Elmshorn, Neumünster, Flensburg, Itzehoe, Rendsburg, Lübeck und mehreren kleineren Orten, bspw. in Stockelsdorf.[3]

"Konsumgenossenschaften waren mit dem Ziel angetreten, ihren Mitgliedern ein gleichbleibendes Angebot von Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs mittleren Standards und einwandfreier Qualität zu günstigen Preisen zu vermitteln, wobei der Warenbezug durch Großeinkauf ohne Zwischenhandel eine wichtige Rolle spielte. Dies richtete sich vornehmlich gegen den kleinbürgerlichen Einzelhandel, dessen Preisgestaltung sich zwangsläufig an einem höheren Niveau orientierte und der seine Kunden oftmals durch Kreditierung, d.h. durch das damals übliche 'Anschreiben' der Einkäufe, in Abhängigkeit hielt. Deswegen gehörte zu den Grundprinzipen der Konsumvereine die konsequente Barzahlung. Ein weiteres Grundprinzip war, zumindest in Deutschland, die Beschränkung des Verkaufs auf Mitglieder, was auch in dem 1889 vom Reichstag verabschiedeten Genossenschaftsgesetz vorgeschrieben war. Die Verwaltung erfolgte auf genossenschaftlicher Basis mit entsprechenden Organen, wie Vorstand, Aufsichtsrat und Generalversammlung, auf der jedes Mitglied, unabhängig von seiner Einlage, nur eine Stimme besaß, sowie nach Bedarf weiteren Beteiligungsebenen. Die Tätigkeit war nicht auf Gewinn angelegt; der jährliche Überschuss wurde am Jahresende als Rückvergütung auf den getätigten Einkauf – ähnlich wie ein Rabatt, aber mit anderem geschäftlichen Hintergrund – regelmäßig, später jeweils zu Anfang Dezember an die Mitglieder ausgeschüttet. Dadurch stand den Mitgliedern ein zwangsweise angesparter Betrag zur Verfügung, mit dem sie meist ihre Kohlenvorräte für den Winter bezahlen und Weihnachtseinkäufe tätigen konnten. Diese Regelung beinhaltete also eine ausgesprochen soziale Komponente."[1]

Auf Druck der Einzelhändler boykottierten viele Großhändler und Fabrikanten die Konsumvereine. Die Konsumvereine hatten deswegen eigene Produktionen, wie die Vereinbäckerei in Lübeck und sie bezogen Waren über die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H. (GEG), die zentral für viele Konsumvereine einkaufte und deswegen gute Preise bekommen konnte. Aus den zentralen Lagern wurden die Läden der Konsumvereine beliefert. Die Läden der Konsumvereine nannten sich "Verteilungsstellen" oder in Lübeck "Warenabgabestellen".

In der Zeit bis 1933 bauten die GEG und die Gepag mit fast 60 Produktionsbetrieben eine leistungsfähige Eigenproduktion auf, darunter Fleischfabriken, Teigwarenfabrikation, eine Fischwarenfabrik, eine Kakao- und Schokoladenfabrik, eine Gemüse- und Obstkonservenfabrik, eine Käserei und eine Senffabrik. Produziert wurden aber auch Kleider, Zündhölzer, Möbel und Bürsten und noch vieles andere mehr. Die GEG wurde in den 1920er Jahren zum größten deutschen Lebensmittelhandels- und Produktionsunternehmen mit über 8.000 Beschäftigten.

Nazi-Zeit

Die Nazis bekämpften die "Marxistischen Konsumvereine". Sie schmissen dort bereits in der Weimarer Republik Schaufensterscheiben ein und denunzierten sie als "politisch und kapitalistisch aufgezogene Pestbeulen". Das am 21. Mai 1933 in Kraft getretene Reichsgesetz über die Verbrauchergenossenschaften erklärte sie für aufgelöst. Die GEG als Dachorganisation wurde am 14. August 1933 umfirmiert in den "Reichsbund der deutschen Verbrauchergenossenschaften GmbH (GEG)". Hier waren nun die genossenschaftlichen Zentralorganisationen zusammengefasst. Die Nazis ruinierten die Konsumvereine durch Gesetzesänderungen, die das Geschäftsmodell unattraktiver machten. Die Genossenschaften, die das überlebten, wurden 1941 in die Deutsche Arbeiterfront eingegliedert.

Neubeginn

Schon am 9. Mai 1945 übernahmen ehemals hochrangige Genossenschaftler die alte GEG-Zentrale in Hamburg und übertrugen das Vermögen wieder ihren rechtmäßigen Eigentümern. Die britische Militärregierung erkannte die Aktion an. In den lokalen Konsumvereinen lief es ähnlich ab.[1]

"Deutscher Supermarkt" der co op am Dreiecksplatz 2

Schnelle Aufbauarbeit führte dazu, dass 1948 in den drei Westzonen immerhin wieder 250 Konsumgenossenschaften mit 750.000 Mitgliedern und 5.700 Verteilungsstellen existierten. Wieder waren die Genossenschaften ganz vorne bei modernen Entwicklungen dabei: Bereits 1949 eröffnete die "Produktion" den Deutschland-weit ersten Selbstbedienungsladen in Hamburg. Anfang der 1960er Jahre erreichten die Konsumgenossenschaften in den alten Bundesländern ihren Höchststand, mit 2,6 Millionen Mitgliedern, 79.000 Beschäftigten und fast 10.000 Läden.

Niedergang

Discounter brachten die Konsumgenossenschaften in Bedrängnis, weil sie dadurch ihren Vorteil bei Produktion und Einkauf verloren. Die Marke "Konsumverein" wurde durch "co op" ersetzt. Trotzdem ging es vielen Genossenschaften schlechter. Sie taten sich zusammen in der co op AG. Der es dann aber nicht wirtschaftlich besser ging. So brach das Konstrukt 1989 zusammen und die Reste gingen an die Metro-Gruppe.

Übrig blieb von den größeren Konsumgenossenschaften in Westdeutschland einzig die coop eG, ehemals coop Schleswig-Holstein eG. Der ging es dann aber Anfang der 2000er nicht mehr so gut, so dass 2006 die Geschäfte an die REWE-Gruppe verkauft wurden. Die weiter bestehende coop eG konzentriert sich auf Immobilienverwaltung und -entwicklung sowie Vermögensverwaltung. Damit existiert in Deutschland keine Konsumgenossenschaft mehr unter dem Namen coop.

Literatur

  • Bickelmann, Hartmut: Konsumverein und Konsumgenossenschaft Lübeck. Vom Lebensmittelversorger der Arbeiterbewegung zur regionalen Einzelhandelskette, in: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte, Band 98 (2018)
  • Hasselmann, Erwin: Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. (1971)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Bickelmann, Hartmut: Konsumverein und Konsumgenossenschaft Lübeck. Vom Lebensmittelversorger der Arbeiterbewegung zur regionalen Einzelhandelskette, in: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte, Band 98 (2018)
  2. Social-Demokrat - Tagesausgabe, 22.05.1870
  3. Liesching, Bernhard: Die Entwicklung und Auflösung des „Allgemeinen Konsumvereins für Kiel und Umgegend“ (1899-1941). Ein Beitrag zur Geschichte der Genossenschaftsbewegung, M.A. Hausarbeit, Univ. Kiel 1992.