Blick in die Zeit

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Blick in die Zeit, Ausgabe 27 vom 7.7.1934

Blick in die Zeit war eine regimekritische, von Angehörigen der verbotenen SPD gemachte Wochenzeitschrift, die vom 16. Juni 1933 bis Ende August 1935[1] jeweils am Sonnabend in Berlin erschien und in ganz Deutschland vertrieben wurde. Viele, die an ihr mitwirkten, kamen aus Kiel.

Entstehung

Die Initiative zur Gründung von Blick in die Zeit ging von dem Werbefachmann Kurt Hermann Mendel (1900-1983) aus. Er hatte das journalistische Konzept entwickelt und beim kleinen Verlag Dr. A. Ristow in Berlin-Halensee untergebracht. Alfred Ristow, ehemals Nachrichtenoffizier im Deutschen Heer und weiterhin gut vernetzt in militärischen Kreisen, war Inhaber eines Betriebes für Fernmeldetechnik; er ließ bei Kurt Hermann Mendel, der an der Berolina-Druckerei beteiligt war, das Mitteilungsblatt eines Offiziersbundes drucken.

Über Blick in die Zeit gab es zwischen Ristow und Mendel aus Sicherheitsgründen nur eine mündliche Vereinbarung: Ristow trat als Herausgeber und Verleger auf, Mendel beteiligte sich mit 50 Prozent der Einlage als stiller Teilhaber am Verlag.[2] Er übernahm auch die Finanzierung des Projekts einschließlich einer Haftung für mögliche Verluste. Diese Konstruktion diente dem persönlichen Schutz aller Beteiligten, die sich - abgesehen von Ristow - durchweg aus sozialdemokratischen Netzwerken vor der NS-Herrschaft kannten und daher Beobachtung durch die "Sicherheitsorgane" befürchten mussten.

Die Auflage betrug etwa 100.000 Exemplare zum Einzelpreis von 0,15 Reichsmark. Die Zahl derer, die sie lasen, soll bei etwa 400.000 bis 500.000 gelegen haben. Diese relativ hohe Verbreitung wurde erreicht durch persönliche Verteilung (vor allem durch alte Funktionäre und Funktionärinnen der "Kinderfreunde"[3]) innerhalb der gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Organisationen, die von den Machthabern verboten waren.

Konzept

Mit Blick in die Zeit wurde "der Versuch gemacht, im Rahmen der gleichgeschalteten Presse eine Wochenzeitung zu veröffentlichen, die den monotonen Blätterwald auflockern sollte."[4] Der Untertitel Pressestimmen des In- und Auslandes für Wirtschaft, Politik und Kultur machte das Konzept deutlich: Man brachte keine eigenen Artikel, sondern bereits in anderen öffentlich verkauften in- oder ausländischen Presseorganen erschienene Textausschnitte. Kurt Hermann Mendel erläutert:

"Es ging [...] nicht darum, eigene Stellungnahmen zu den behandelten Themen abzugeben, sondern durch die Vielfalt der gedruckten Nachrichten, Meinungen und Auffassungen anderer Publikationen es dem Leser selbst zu überlassen, Rückschlüsse zu ziehen."[5]

Beilage

Karl Rickers redigierte die parallel erscheinende, nicht einzeln verkäufliche Beilage Kurze Pause!, kurz KP! und gewann dadurch umfassenden Einblick in die Arbeitsweise des Herausgebers, der Redaktion und des Vertriebes.[6] Für die Beilage lieferte neben Karl Rickers der Kieler Hans Adam Textbeiträge. Auch sie wurde im August 1935 verboten.

Beteiligte

Der Kreis der Beteiligten war aus nachvollziehbaren Gründen überschaubar.

  • Hauptberuflicher, aber inoffizieller Schriftleiter wurde Andreas Gayk, vor 1933 Redakteur bei der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung in Kiel; er ging nach Berlin, weil er in seiner Heimatstadt unter Beobachtung durch die Gestapo stand. Er holte seine Familie nach und wurde in der Redaktionsarbeit sehr von seiner Ehefrau Frieda Gayk unterstützt.
  • Die hauptberufliche Geschäftsleitung lag bei Kurt Exner, vor 1933 Gewerkschaftssekretär beim ADGB in Berlin, nach Ende der NS-Herrschaft Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln und Berliner Senator für Arbeit und Soziales.
  • Den Vertrieb übernahm Hans Weinberger, der aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde über ein weitgespanntes Netz von Kontakten verfügte, die jetzt für die Verteilung des - legalen - Blattes eingesetzt wurden und dadurch gleichzeitig die Möglichkeit erhielten, unauffällig miteinander in Kontakt zu bleiben.

Andreas Gayk zog weitere Gleichgesinnte zur Mitarbeit heran:

Mehrere von ihnen übernahmen ab 1945 herausragende Positionen in Politik, Wirtschaft oder Kultur.

Karl Rickers konnte in einem Rückblick feststellen, dass der Blick in die Zeit in den zwei Jahren seines Erscheinens ohne größere Einflüsse der Zensurbehörden geblieben war. Erst ein Artikel zum Thema Die Zukunft des Krieges führte im August 1935 zum Verbot der Zeitschrift.

Die Pflege eines Netzwerks im Untergrund schuf eine Basis, auf der nach dem Ende der NS-Herrschaft die Wiedergründung der SPD und der Gewerkschaften, aber auch ein Aufbau der Verfassungsorgane möglich war.

Dokumentation

Die Aktion Blick in die Zeit wurde nach dem Ende der NS-Herrschaft nur wenig dokumentiert. Erste Darstellungen gab es 1974 von den Autoren Michael Freund, August Rathmann und Ludwig Preller in dem Erinnerungsbuch über Andreas Gayk. Sie berichteten als mitwirkende Redakteure über ihre eigenen Tätigkeiten sowie über das gesamte Konzept. 1980 folgte ein Bericht in der Badischen Zeitung.[9] In dem von der Friedrich-Ebert-Stiftung 1980 herausgegebenen Begleitband zur Ausstellung Widerstand 1933 bis 1945 - Sozialdemokraten und Gewerkschaften gegen Hitler heißt es zur Wochenzeitschrift Blick in die Zeit: "Eine der eigenartigsten Erscheinungen des deutschen Widerstandes". [10] Und für August Rathmann war sie "ein überaus erfolgreicher Versuch, über zwei Jahre hin [...] den inneren Widerstand gegen das System durch eine geschickt getarnte Kritik wachzuhalten und zu nähren."[11]

Literatur & Links

Quellen

  1. Entweder 24. oder 31.8.1935
  2. Rathmann: Nationalsozialismus, S. 65 f.
  3. Rathmann: Arbeiterleben S. 189
  4. Rathmann: Arbeiterleben, S. 188
  5. Mendel: Aktion, S. 5
  6. Rathmann: Nationalsozialismus, S. 67
  7. Vgl. Eintrag von 2016 in Wikipedia: Blick in die Zeit
  8. Jensen/Rickers: Andreas Gayk, S. 262
  9. Henning Harmsen: Widerstand mit Schere und Klebstoff, Badische Zeitung, 15.5.1980
  10. Zit. nach Mendel: Aktion, S. 18
  11. Rathmann: Arbeiterleben S. 226


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