Schleswig-Holsteinische Volkszeitung

Die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, landläufig auch Kieler Volkszeitung oder kurz VZ genannt, war eine sozialdemokratische Zeitung.

Gründung

Gegründet wurde die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung durch einen Parteikongreß der die Sozialistische Arbeiter-Partei (SAP) am 24. Juni 1877[1] als Reaktion auf das Bismarck'sche Sozialistengesetz. Das Blatt wurde in Kiel von einer eigens gegründeten Genossenschaft unter dem Vorsitz von Stephan Heinzel herausgegeben. Sein Stellvertreter wurde der Zigarrenfabrikant H. Dieckmann. Die Redaktion übertrug man dem Druckereimitarbeiter Reinhard Bérard aus Altona. Die Zeitung erschien am Dienstag, am Donnerstag und am Sonnabend.[2]

Kaiserreich: Immer wieder Verbote

Die VZ wurde schon 1878, ein Jahr nach ihrer Gründung, unter dem Sozialistengesetz verboten und erst 1893 wiederbegründet.[3]

"Auf dem Provinzialparteitag in Neumünster, am 28. und 29. November 1892 war die Zeitungsfrage aufgerollt worden. Die seit dem 1. Oktober 1890 in Ottensen erscheinende 'Norddeutsche Volks-Zeitung', ein Kopfblatt des 'Hamburger Echo', die der Sozialdemokratie Schleswig-Holsteins als Parteiorgan diente, war gewiß trefflich redigiert, aber sie konnte ihres Erscheinungsortes und ihrer Erscheinungshäufigkeit wegen - sie erschien dreimal wöchentlich - den provinziellen und lokalen Verhältnissen nicht gerecht werden. Das kam auf dem Parteitag in Neumünster drastisch zum Ausdruck. Der Parteitag wählte eine Preßkommission, die den Auftrag erhielt, gemeinsam mit der Agitationskommission der Provinzpartei und dem Verleger und Redakteur der 'Norddeutschen Volks-Zeitung' die Zeitungsfrage zu prüfen und dem nächsten Parteitage Vorschläge zu machen. Die Kommission kam nach den Beratungen in vielen Sitzungen im Laufe des Sommers zu dem Beschlusse - der eigentlich über den Auftrag hinausging, den sie von dem Parteitage erhalten hatte -, Sammlungen für einen Pressefonds zu veranstalten, um zu ergründen, ob in der Provinz, besonders aber in Kiel und Umgegend, das Bedürfnis nach einer täglich erscheinenden sozialdemokratischen Zeitung vorhanden sei. Der Beschluß wurde von der Parteigenossenschaft in Stadt und Land mit großer Freude aufgenommen. Schon am Schlusse des Jahres 1892 hatte die Arbeiterschaft einen Pressefonds von 10000 Mark zusammengebracht. Groschenweise hatten die Arbeiter das Geld aus ihrem schmalen Verdienste zusammengesteuert, was um so mehr anzuerkennen war, als die wirtschaftlichen Verhältnisse um diese Zeit besonders in Kiel äußerst ungünstig waren.
Als der nächste Provinzialparteitag am 11. Dezember 1892 in Kiel zusammentrat, stand er durch die Gründung des Pressefonds vor einer unabänderlichen Tatsache. Die Gründung eines täglich erscheinenden Parteiblattes war nicht mehr zu umgehen. Der Parteitag wählte eine sogenannte Gründerkommission, die in Gemeinschaft mit der Preßkommission die Errichtung einer eigenen Druckerei und die Herausgabe einer Tageszeitung betreiben sollte."[4]

Die Pressekommission der SPD war das geschäftliche und politische Aufsichtsorgan der Zeitung. Sie setzte nicht nur Geschäftsführer und Redakteure ein, sie legte auch die politische Linie des Blattes fest.[5]

VZ-Redaktionsgebäude
Schleswig-Holsteinische Volkszeitung
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Bergstraße 11
24103 Kiel

Am 7. März 1893 wurde die "Offene Handelsgesellschaft Chr. Haase & Co." gegründet. Sie sollte die Volkszeitung tragen. Das Grundstück in der Bergstraße 11 in Kiel wurde gemietet. 1902 konnte sich der Verlag leisten, es zu kaufen.[6]

Vor dem ersten Weltkrieg gab es nur drei bis vier bezahlte Redakteure, so zum Beispiel Wilhelm Brecour. Chefredakteur seit 1900 war Eduard Adler. In dieser Zeit stand die Redaktion ständig unter dem Druck der preußischen Justiz. Die Mitarbeiter der sozialdemokratischen Presse mussten immer mit Gefängnisstrafen rechnen. Bis 1914 wurden insgesamt fünf Jahre, sieben Monate und eine Woche Gefängnis ausgesprochen sowie ca. 50.000 Mark an Prozeßkosten und Geldstrafen fällig.[7]

1. Weltkrieg

Nach Beginn des Krieges galt die Militärzensur. Die Redaktion musste vorsichtig sein, sich inhaltlich auf dem schmalen Grad zwischen sozialdemokratischer Meinung und den preußischen Bestimmungen halten, wollte sie nicht ihre Existenz riskieren. Die VZ wurde im Verlauf des Krieges mehrmals für einige Tage verboten.[8]

Andererseits vertrat Eduard Adler seit Beginn des Krieges im Wesentlichen eine nationale Linie, was ihn in Konflikt mit Parteivorstand und Pressekommission brachte. Am deutlichsten wurde dieser Konflikt durch den Rücktritt von Hermann Adam, dem Vorsitzenden der Pressekommission.

"Die Pressekommission war das geschäftliche und politische Aufsichtsorgan der Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung. Sie setzte den Geschäftsführer, den Chefredakteur und die Redakteure ein. In den Sitzungen dieser Kommission wurde auch über die politische Haltung der Zeitung verhandelt. Adler fühlte sich in seiner Auffassung während des Krieges offenbar vom Parteivorstand in Berlin gedeckt; vermutlich auch von einer Mehrheit der Partei in Schleswig-Holstein. Mindestens akzeptierte man die Zwangslage, in der sich die Partei mit Ausbruch des Krieges befand. Hermann Adam jedoch verweigerte sich dieser Politik, und er trat aus diesem Grunde - wie mir der Sohn Dr. Hans Adam aus familiärer Kenntnis versichert - von Vorsitz und Mitgliedschaft in der Pressekommission zurück. Daß Adlers Einstellung der Grund hierfür war, läßt sich auch unschwer aus der Tatsache der Rückkehr Adams in dieses Amt schließen, die 1917 erfolgte, nachdem Adler aus der Chefredaktion ausschied. Als Grund für das Ausscheiden wurde ein Augenleiden Adlers angegeben. Da Adler jedoch auch später ein enormes Pensum an politischer Arbeit leistete, wird man Zweifel an der Begründung haben dürfen."[9]

Weimarer Republik

In den Weimarer Jahren konnte die VZ zumindest von 1918 bis 1932 ungehindert erscheinen. Nach der Weltwirtschaftskrise 1923 wuchs die Zeitung beträchtlich. In neuen Gebäuden in der Bergstraße 11 und Muhliusstraße 43 breitete sich die Redaktion aus. Unter dem Lokalredakteur Andreas Gayk wurde die Zeitung modernisiert, die lokale Berichterstattung ausgebaut und zu "Spezialthemen" wie Frauen- und Kinderfragen Beilagen produziert.[10]

Hitler-Prozess

1932 strengte Adolf Hitler einen Prozess gegen die VZ und ihren Chefredakteur Kurt Wurbs an. Wurbs hatte im März 1932 geschrieben, Hitler bereite den Bürgerkrieg vor. Dagegen wehrte sich die NSDAP, indem sie beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung dieser Behauptung beantragte. Durch eine eidestattliche Erklärung zu seinen "friedlichen Absichten" erreichte Hitler die Aufrechterhaltung dieser Verfügung. Zur folgenden Hauptverhandlung wollte der Anwalt der VZ, Wilhelm Spiegel, ihn persönlich vorladen. An seiner Stelle trat jedoch SA-Chef Ernst Röhm auf und behauptete, von der Vorbereitung eines Bürgerkrieges könne keine Rede sein. Das Gericht folgte dieser Behauptung und ignorierte Spiegels Hinweise auf den zunehmenden, vor allem von der SA ausgehenden Straßenterror. Die Nationalsozialisten gewannen den Prozess.

Verbot unter den Nazis

Ab 1932 wurde die Situation für die VZ schlechter - die Demokratie der Weimarer Republik befand sich im Niedergang:

"Am 20. Juli 1932 hatte Reichskanzler von Papen unter Anwendung des Artikels 48 der Reichsverfassung die preußische Regierung abgesetzt und selbst das Amt des Reichskommissars für Preußen übernommen. Die VZ, die diesen Rechtsbruch aufs Schärfste kritisierte, wurde darauf hin am 23. Juli 1932 für vier Tage verboten. Von nun an führte die Zeitung im Kopf drei Pfeile, das Kampfzeichen der Eisernen Front, deren Ziel die Verteidigung der Republik war. Man verzichtete außerdem zum Schutz der Redakteure auf ein Impressum. Bis zum Verbot am 15. Februar 1933 bezog die VZ aber kritisch Stellung zum Untergang der Demokratie und polemisierte gegen die Nationalsozialisten."[11]

Am 15. Februar 1933 verbot der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein das Erscheinen der Zeitung bis zum 1. März. Der Beschwerde gegen dieses Vorgehen gab das Reichsgericht Leipzig statt. Nach der Ausgabe vom Montag, 27. Februar 1933 - dem Tag, an dem in Berlin der Reichstag brannte - wurde die Zeitung jedoch unbefristet verboten, die Anlagen enteignet.

Neuanfang nach 1945

Titelseite der VZ vom 21.9.1946

1945 erhielt Karl Ratz von der britischen Militärregierung die Lizenz für die Herausgabe der VZ. Die Zeitung fand sich zu Beginn in einer absurden Situation: Die Nazis hatten im September 1942 Dr. Curt Heinrich, dem Verleger der Kieler Neuesten Nachrichten - des bürgerlich-nationalen Konkurrenzblattes - 51 Prozent an seiner Zeitung abgepresst, um sie zu übernehmen. Als Entschädigung erhielt er neben Geld auch den Druckereibetrieb der 1933 enteigneten VZ in der Bergstraße 11. So musste die neue VZ zunächst mit ihm über einen Pachtvertrag verhandeln. Heinrich war seinerseits an der Rückgabe interessiert, weil er so auf die Wiederherstellung seines ursprünglichen Eigentums dringen konnte. Zu Anfang allerdings erschienen sowohl die Kieler Nachrichten als auch die VZ auf der Basis von Pachtverträgen mit Heinrich.[12]

Am 3. April 1946, kurz nach dem 1. Bezirksparteitag der wiedergegründeten SPD Schleswig-Holstein, erschien sie wieder, getragen von der "Konzentration GmbH", der von Fritz Heine geleiteten Dachorganisation aller SPD-Zeitungen, und vom Landesverband Schleswig-Holstein, vertreten durch Landesgeschäftsführer Gerhard Strack. Vorsitzender der Gesellschafter war zunächst Andreas Gayk, ab 1954 Walter Damm. Zuletzt wurde die VZ in enger Kooperation mit dem Lübecker Morgen produziert.

Die VZ, zuletzt unter dem Titel VZ - Kieler Morgenzeitung, war bis weit in die Nachkriegszeit hinein selbstverständlicher Bestandteil vieler sozialdemokratischer Haushalte. Sie verfügte über gute Kontakte in Politik und Kultur. So besuchten im April 1967 Günter Grass und Siegfried Lenz die Redaktion, vermutlich im Rahmen ihrer Aktivitäten mit der Wählerinitiative Nord.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Chefredakteure

Name von bis Bemerkung
Reinhard Bérard 1877 1878 aus Altona
Eduard Adler 1900 1917
Bernhard Rausch 1917 ? Zur Zeit des Matrosenaufstandes[13]
Karl Böttcher um 1925
Kurt Wurbs ? 1933
1933 1945 Von den Nazis verboten
Andreas Gayk 1946 faktisch Karl Rickers, ab 1948 Michael Freund
Hans Schimpke vor 1953, wie "ca. ein Dutzend anderer"[14]
Fritz Przytulla 1953 1954 aus Berlin
Karl Rickers 1954 1968

Redakteurinnen und Redakteure

Wilhelm Brecour, erster Chronist der Kieler SPD, war von 1893 bis 1931 bei der Zeitung tätig, als Expedient, Prokurist, Redakteur und "ständiger Mitarbeiter"[15]. Von März 1919 bis Dezember 1921 war der Maler und Grafiker Hans Ralfs freier Mitarbeiter des Feuilletons, ab 1926 waren Andreas Gayk und Karl Rickers dabei.

Andreas Gayk war von 1926 bis zum Verbot durch die Nazis 1933 Lokalredakteur. Nach dem Krieg übernahm er die Chefredaktion der wieder gegründeten VZ, um der Leserschaft Kontinuität deutlich zu machen. Faktisch schrieb er aber nach dem Eröffnungsartikel nur noch gelegentlich und in politischen Funktionen.[16] In einen Brief erweckt er den Eindruck, dass er seine eigentliche Berufung im Journalismus sah, nicht in der Politik: "Das Unglück kann es also wollen, daß ich zunächst in den sauren Apfel der Politik beißen muß [...]".[17]

Zu den Beschäftigten der VZ nach dem Krieg gehörten u. a. als Verlagsleiter zunächst Karl Ratz, später Hein Wulff, der Prokurist Alfred Wind und die Erste Sekretärin Friedel Lühmann (die danach noch einige Jahre das Archiv der Kieler Nachrichten leitete). Lokalchef (und oft faktisch als Chefredakteur einspringend) war seit 1946 Karl Rickers; dazu kamen die Lokalredakteure Günther Martens und Fritz Thiele, Feuilletonchef Alexander Kus und seit 1947 Feuilletonredakteurin Susanne Materleitner, Wirtschaftsredakteur Walther Girnth, Provinzialredakteur Erich von Lojewski, Glossist Hans Schimpke sowie die Journalisten Werner Wien und Alfons Neukirchen. Gerhard E. Gründler, der später unter anderem Chefredakteur des Vorwärts wurde, machte etwa 1956 bis 1958 ein Volontariat; er sprach von der VZ als der "sozialdemokratischen, gleichwohl nicht allzu provinziellen"[18] Zeitung. Als Berater und Leitartikler, ab Sommer 1948 als informeller Chefredakteur, wirkte einige Jahre der Historiker Michael Freund, für dessen Berufung nach Kiel Andreas Gayk sich nicht zuletzt wegen der VZ massiv einsetzte.[19] Auch die Fotografin Angela Kroeker war für die VZ tätig, später für die Kieler Nachrichten.

Einer der letzten neuen Mitarbeiter war der Leitartikler Jochen Steffen, damals schon Landesvorsitzender, über den Chefredakteur Karl Rickers schreibt:

"Meine Bedenken gegen Jochen als Parteivorsitzenden kollidierten nicht mit der Absicht, ihn als Journalisten zu engagieren. [...] Mir schien es wichtig und nützlich, einen politischen Denker von diesen Graden als Leitartikler zu haben. Jochen Steffen verkörperte eine neue Generation in der Politik, eine Generation, die nicht mehr - wie wir in der Weimarer Republik Aufgewachsenen - bedingungslos auf Reformpolitik und Kompromiß setzte. Steffen und ich kamen in dieser vielleicht nicht einfachen Konstellation gut miteinander zurecht. [...] Seinen rüden Ton aber wußte ihm Susanne Materleitner wegzuredigieren, und Jochen schätzte diese Art Mitarbeit."[20]

Niedergang und Ende

Seit Beginn der 50er Jahre schrumpfte, wie bei fast allen Zeitungen der SPD, die Abonnentenbasis. Der Parteinachwuchs verlangte andere Formen und Inhalte und fand es nicht mehr selbstverständlich, eine Parteizeitung zu halten.[21] 1961 nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, weil über längere Zeit gegenüber den Anzeigenkunden die Auflage massiv geschönt worden war.[22] 1962 hatte die VZ noch eine Auflage von 47.000.[23]

Schließlich wurde das Ende unvermeidlich. Anfang Dezember 1968 meldete dpa die bevorstehende Einstellung der VZ zum 1. März 1969, unter Berufung auf den erst im April 1968 eingesetzte Verlagsleiter Emil Bandholz. Als Grund habe er "das Ausbleiben der erforderlichen Zuschüsse von der SPD" genannt.[24] Die SPD hatte die zuletzt 13.000 täglichen Exemplare mit rund 80.000 DM monatlich subventioniert.[25] Um nicht die letzte zu sein, die die eigene Schließung meldete, entschloss sich die VZ zur Veröffentlichung, obwohl eine offizielle Entscheidung der Gesellschafter nicht vorlag. Rickers scheint von einem Missverständnis auf Bandholz' Seite auszugehen.[26]

Emil Bandholz wurde fristlos gekündigt, mit der Begründung, er habe "widerrechtlich und eigenmächtig die Einstellung der VZ Kiel verkündet. Dadurch sind [...] Pläne über andere Möglichkeiten bezüglich des traditionsreichen Blattes hinfällig geworden, bzw. aufs schwerste gefährdet. Der [...] entstandene Schaden ist nicht wieder gutzumachen. Als neuer Geschäftsführer wurde Herr Wilhelm Geusendam, Lübeck, berufen."[27]

Die Belegschaft der VZ solidarisierte sich mit Emil Bandholz und trat am 18. Dezember 1968 in den Streik. In Stuttgart trat die Belegschaft der sozialdemokratischen Schwäbische Tagwacht GmbH in einen Sympathiestreik[28]. Die öffentliche Mitteilung wurde unterzeichnet von Klaus Holderbaum, Hermann Rügge, Ernst Wolter, Alfred Voigt und Paul Grünig. Die Redaktion, vor allem Chefredakteur Rickers, stand zwischen den Positionen, brachte für beide Seiten Verständnis auf und verhielt sich daher neutral.[29] Landesvorsitzender Jochen Steffen sah sich in einer Betriebsversammlung heftiger Kritik ausgesetzt, weil sich die SPD öffentlich für die Sicherung von Arbeitsplätzen einsetze, hier aber kurzfristig Leute in die Arbeitslosigkeit schicke.[30]

Nach einiger Verwirrung, zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland und einigen Krokodilstränen politischer Gegner[31] wurde die VZ bereits zum 31. Dezember 1968 eingestellt. Sie verabschiedete sich von ihren Leserinnen und Lesern mit einer vollen letzten Ausgabe.[32]

1973 schrieb der Kieler Landtagsabgeordnete Karl Heinz Luckhardt:

"Ursache des Niedergangs der Zeitung war vor allem, daß in guten Zeiten zuviel Geld aus dem Betrieb herausgenommen und zuwenig zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit investiert wurde. Viele waren der Meinung, daß die Geschäftskommission des SPD-Präsidiums in Bonn, die einen großen Teil der SPD-Zeitung trug, keine angemessene Konzeption verfolgte. Unbestreitbar ist, daß die Auflage der VZ zuletzt in den 'Keller gerutscht' war. Die SPD-Anhänger in Kiel sorgten zwar für große Mehrheiten bei Wahlen, aber nur eine ständig abnehmende Minderheit las noch die 'eigene' Zeitung. Am Ende konnte die Gesamtpartei die Defizite nicht mehr tragen. [..] Heute muß die Kieler SPD mit einer dadurch einseitig gewordenen Presselandschaft fertig werden. Daran ändert auch die Morgenpost nichts. Als SPD-nahestehende Hamburger Boulevard-Zeitung mit kleinem Kieler Lokalteil kann sie nicht die Tradition der VZ fortsetzen."[33]

Nachfolge-Versuche

Ein wenig erfolgreiches Nachfolgeblatt unter dem Titel Nordwoche existierte von 1969 bis 1971. Von 1980 bis 1988 wurde mit der Kieler Rundschau ein neuer Versuch gemacht, zumindest im Großraum Kiel das Meinungsmonopol der Kieler Nachrichten zu durchbrechen. Aufgrund des flächendeckenden Wegfalls einer professionellen SPD-Presse förderte bereits Jochen Steffen in großem Umfang Publikationen der Ortsvereine und Kreisverbände.

Nach dem Ende

1974 richteten Jugendliche mit Unterstützung der Stadtverwaltung im Gebäude der ehemaligen VZ-Druckerei in der Bergstraße 11 das erste selbstverwaltete Jugendzentrum der Stadt ein, die legendäre "Druckerei". Nach vielen Stunden Eigenarbeit konnte sie am 2. März eröffnet werden.[34] 1975 wurde das Gebäude abgerissen, um Platz zu machen für den Erweiterungsbau der Kieler Spar- und Leihkasse.

Fotos

Literatur

Links

Quellen

  1. Verdieck: Volks-Zeitung
  2. Fischer: Stephan Heinzel, S. 51
  3. Fischer: Stephan Heinzel, S. 92
  4. Brecour: Volks-Zeitung
  5. Rickers: Friedenspolitik, S. 114
  6. Bigga / Danker: Volkszeitung, S. 428
  7. Bigga / Danker: Volkszeitung, S. 428 f.
  8. Bigga / Danker: Volkszeitung, S. 429
  9. Rickers: Friedenspolitik, S. 114
  10. Christa Geckeler: Kieler Erinnerungstag: 15. Februar 1933, abgerufen 13.10.2013
  11. Christa Geckeler: Kieler Erinnerungstag: 15. Februar 1933, abgerufen 13.10.2013
  12. Vgl. Rickers: Erinnerungen, S. 234 ff.
  13. Rickers: Friedenspolitik, S. 115
  14. Rickers: Erinnerungen, S. 325 f.
  15. Biographien Sozialdemokratischer Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933
  16. Vgl. Rickers: Erinnerungen, S. 248
  17. Vgl. Knelangen / Meinschien (Hrsg.): Briefwechsel, S. 23
  18. Gerhard E. Gründler: Erinnerung an Hans Zehrer, Version vom 12.6.2008
  19. Vgl. Knelangen / Meinschien (Hrsg.): Briefwechsel, S. 75
  20. Rickers: Erinnerungen, S. 371
  21. Oddey u.a.: Wilhelm Geusendam, S. 51, wo die Problematik am Beispiel des Lübecker Morgens erläutert wird.
  22. Rickers: Erinnerungen, S. 359 ff.
  23. DER SPIEGEL 1/1969 Sauber runter
  24. Kieler Nachrichten, 6.12.1968
  25. Christa Geckeler: Kieler Erinnerungstag: 15. Februar 1933, abgerufen 13.10.2013
  26. Rickers: Erinnerungen, S. 385 ff. Dort auch die weitere Entwicklung und mögliche Alternativen aus der Sicht des Chefredakteurs.
  27. Kieler Nachrichten, 20.12.1968
  28. DER SPIEGEL 1/1969 Sauber runter
  29. Rickers: Erinnerungen, S. 386
  30. Kieler Nachrichten, 19.12.1968
  31. Dr. Lademann, FDP, Kieler Nachrichten, 21.12.1968; Ministerpräsident Dr. Lemke, CDU, Kieler Nachrichten, 2.1.1969
  32. Rickers: Erinnerungen, S. 391 f.
  33. SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978), S.
  34. Kieler Nachrichten, 2.3.1974 / 4.3.1974