Richard Grune

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Richard Grune
Richard Grune
Geboren: 2. August 1903
Gestorben: 26. November 1984

Richard Grune, * 2. August 1903 in Flensburg, † 26. November 1984 in Kiel; Grafiker. Unverheiratet. Mitgliedschaft in der SPD bisher nicht ermittelt.

Leben & Beruf

Richard Grune kam als eins von sieben Kindern eines Schmieds und seiner Frau in Flensburg zur Welt und wuchs in einem sozialdemokratischen Umfeld auf. 1914 zog die Familie nach Kiel-Gaarden, wo der Vater Arbeit auf den Werften fand. Bereits als Kind zeigte Richard Grune eine starke Neigung zum Zeichnen.

1919 begann der Sechzehnjährige eine Ausbildung als Gebrauchsgrafiker an der städtischen Handels- und Kunstgewerbeschule (heute Muthesius Hochschule), wo er Kontakt zur "Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft" um seinen Lehrer, den Maler und Grafiker Werner Lange (1888-1955), fand. 1922 schloss er seine Ausbildung nach fünf Semestern ab; Fachkritiker sagten ihm "eine große künstlerische Entwicklung"[1] voraus.

Alltag in der Kinderrepublik

1926 konnte er im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Kieler Kunsthalle erste eigene Werke ausstellen. 1927 reiste der junge Künstler nach Norwegen und machte ohne Anmeldung einen Besuch bei Edvard Munch, bei dem er sich als "Künstler der neuen Generation" einführte und dem er eine seiner Zeichnungen schenkte. Der große Maler erbat, so heißt es, ein Autogramm, um später sagen zu können, das habe er von dem berühmten Grune.[2]

Im Sommer 1927 übernahm Richard Grune zusammen mit Niels Brodersen die kunstpädagogische Leitung des Projekts Kinderrepublik Seekamp und arbeitete auch an der daraus entstandenen Dokumentation Die Rote Kinderrepublik mit. In den folgenden Jahren reiste er viel im In- und Ausland, bis er sich dauerhaft in Berlin niederließ.[3]

1929 schuf er - vermutlich als Auftragsarbeit - ein Bild für das Arbeitersportfest in Nürnberg.

NS-Herrschaft

Im Februar 1933 zog Richard Grune nach Berlin, möglicherweise, weil er meinte, in der Großstadt als Homosexueller sicherer zu sein. Er hatte eine Atelierwohnung am Hackeschen Markt, arbeitete künstlerisch, steuerte Zeichnungen zu Andreas Gayks Zeitschrift Blick in die Zeit bei und "lebte selbstbewusst seine Homosexualität"[4]. Schon am 4. Dezember 1934 wurde er jedoch das erste Mal wegen Verstoßes gegen § 175 durch die SS verhaftet, möglicherweise schwer misshandelt[5] und bis 31. Mai 1935 ohne Gerichtsverfahren im Konzentrationslager Lichtenberg eingesperrt. Nach seiner Entlassung ging er zurück in seine Geburtsstadt Flensburg, wo er am 4. September 1936 zu einer fünfzehnmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, von der er ein Jahr im Gefängnis Neumünster absitzen musste. Bei seiner Entlassung wartete seine Schwester Dolly Cornelius vor dem Gefängnistor mit Zivilkleidung auf ihn, nur um zu erfahren, dass er in "Schutzhaft" genommen worden sei und nicht freikommen würde.[6]

Gefangener im Steinbruch

Am 2. Oktober 1937 wurde er ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er den "Rosa Winkel" tragen musste; damit war er als Mitglied einer der am geringsten geachteten und daher gefährdetsten Gruppen im Lager, der Homosexuellen, ausgewiesen. Die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung scheint ihm in dieser Lage zu Hilfe gekommen zu sein. Karl Ratz, der ebenfalls zu dieser Zeit in Sachsenhausen eingesperrt war, und andere Freunde hätten ihn unterstützt und geschützt.[7] Unter anderem entging er der Isolierhaft, deren Opfer von den Wachmannschaften mit besonderer Grausamkeit behandelt wurden und die geringe Überlebenschancen bot. Er gehörte jedoch einem "Stehkommando" an - nichts als Strammstehen den ganzen Tag. Das Kommando soll ihn in seiner Mitte versteckt haben, so dass er, am Boden hockend, das Lagerliederbuch einschließlich Zeichnungen anfertigen konnte.[8] Auch seine Eltern und seine Schwester Dolly versuchten ihn zu unterstützen - was angesichts seiner Lage als inhaftierter Homosexueller nicht selbstverständlich war - und schickten ihm über Deckadressen selbst ins KZ Briefe und Pakete.[9]

Am 5. April 1940 wurde er mit einer Gruppe anderer ins KZ Flossenbürg verlegt und entging so einer späteren Mordaktion unter homosexuellen Häftlingen in Sachsenhausen. Er konnte möglicherweise in der Schreibstube arbeiten und soll für die SS Gedichte und Zeichnungen gefertigt haben, teilweise in einem extra eingerichteten Künstlerkommando. Später erzählte er seiner Schwester aber auch, dass er zeitweise zu den "Sterbekandidaten" gehört habe:

"Diejenigen nämlich, von denen man annahm, sie würden die Nacht nicht überleben, seien von den anderen am Abend vor der Baracke abgelegt worden, da die Baracken stets überbelegt waren und so ein wenig Platz und Luft geschaffen wurde. Wer am Morgen noch lebte, sei dann wieder in die Baracke gebracht worden. Er selber habe sich als Todeskandidat mit letzter Willensanstrengung, an der Barackenwand liegend, zum Zeichnen gezwungen, er habe sich zeichnend am Leben gehalten und sich dabei immer wieder gesagt, er wolle solange leben, bis Hitler zugrunde gegangen sei."[10]

Er zeichnete auf winzigen Papierfetzen.

Am 20. April 1945, als die Amerikaner sich Flossenbürg näherten, wurde das Lager aufgelöst und 14.000 Häftlinge auf einen Todesmarsch zum KZ Dachau geschickt. Auf diesem Todesmarsch konnte er noch vor der Befreiung fliehen.

Nachkriegszeit und BRD

Mitte 1945 kehrte Richard Grune, von der KZ-Haft geschwächt, nach Kiel zu seiner Schwester zurück, die sich auch jetzt um ihn kümmerte. Später lebte er zeitweise in Flensburg. Er arbeitete die Schreckenserfahrungen der Konzentrationslager künstlerisch auf. In dieser Zeit entstanden zwei Mappen mit Lithographien, Passion und Die Ausgestoßenen.

Im März 1946 wurden diese KZ-Bilder im "Haus der Landwirte" an der Holstenstraße in Kiel ausgestellt. Oberbürgermeister Otto Tschadek eröffnete die Ausstellung in Anwesenheit eines Vertreters der britischen Militärregierung. Die Ausstellung wurde in der Nacht vom 31. März auf den 1. April von Unbekannten verwüstet und die Bilder gezielt zerstört. Dies wurde in gleichlautenden Meldungen in beiden Kieler Lokalzeitungen berichtet.[11] In der VZ folgte ein längerer Artikel, der sich um eine Würdigung Richard Grunes und seines Werkes bemühte. Dort hieß es:

"[Richard Grune] ist viele Jahre lang im Konzentrationslager gewesen. Jetzt tritt er mit seiner Kunst als Zeuge auf für die Leiden, die man Millionen Menschen zufügte. Die Zeichnungen Grunes [...] sind wahrhaftig eindrucksvolle Zeugen. Sie sind es, weil eigenes Erlebnis hier den Griffel führte, so daß man spürt: Grune hat sich, zeichnend, nicht eher zufrieden gegeben, bis er ein höchstes Maß von Eindringlichkeit erreichte. Kein Wunder, daß Menschen, die in der Kunst nur ein Mittel zur Lebensverschönerung sehen, sich hiervon abwenden. Kein Wunder auch, daß Leute, die sich mitschuldig an den Leiden der vergangenen Jahre fühlen, eines Tages mit Tränengas gegen diese Ausstellung kämpften und in der Nacht zum vergangenen Freitag die Bilder zerstörten. [...]
Wahrhaft aufgeschlossene Menschen aber sind tief berührt von der Wucht dieser Kunst, die so ausschließlich den Menschen in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Den leidenden Menschen, aber auch den, der die Leiden macht. [...]
Man kann noch viel erwarten, denn nach Jahren der gewaltsamen Behinderung am Schaffen, ist dies erst der Beginn einer neuen Periode reifer Tätigkeit."[12]

Diese Einschätzung des Autors sollte sich leider nicht bewahrheiten. Zwar folgten weitere Ausstellungen in anderen Städten - aber es waren die letzten zu Richard Grunes Lebzeiten. 1947 erschien im Keune-Verlag eine Mappe mit zehn neuen Zeichnungen aus der KZ-Erfahrung, die Passion des XX. Jahrhunderts. Auch sie fand kaum öffentliches Interesse. Vielleicht galt auch für Richard Grune, was einmal über Georg Baselitz geschrieben wurde:

"Man wünschte sich [nach der NS-Zeit] Künstler, die abstrakt malten, die auf ihren Bildern stilvoll über die Sünden dieser Nation schwiegen, doch schweigen war nie seine Sache."[13]
Titelblatt

Dazu kam, dass sich seine Lebenssituation auch im neuen Deutschland nicht grundlegend verbesserte: Der § 175 galt nach wie vor und verhinderte, dass er seinen Vorstellungen gemäß leben konnte; in den 1950er Jahren wurden etwa viermal so viele Verurteilungen ausgesprochen wie in der Weimarer Republik.[14] Zudem hatte er als "Rosa-Winkel"-Häftling keinen Anspruch auf Anerkennung als politisch Verfolgter - er war ja auf Grund geltenden Strafrechts verurteilt worden und damit ein "Verbrecher". Dass die KZ selbst ohne jede rechtliche Grundlage im deutschen Rechtssystem waren, sondern lediglich ein Zwangsmittel der NS-Diktatur, übersah die Justiz großzügig. Richard Grune bemühte sich dennoch um die Anerkennung als politischer Häftling; über den Erfolg dieser Bemühungen ist nichts bekannt.[15]

Der Hauptausschuß für Arbeiter-Wohlfahrt veröffentlichte 1948 Das Kinderbuch, vom Leben und Treiben in den Heimen und Erholungsstätten der Arbeiter-Wohlfahrt nach Briefen und Erzählungen von Kindern, nach einer Idee und gestaltet von Richard Grune.

1948 siedelte er nach Spanien über, lebte einige Jahre in der Nähe von Barcelona. Die dort entstandenen Werke sind meist verloren. 1956 kehrte er nach Deutschland zurück, fand in Hamburg Arbeit als Bauhilfsarbeiter. In seiner Freizeit gab er Kindern von "Gastarbeitern" Zeichenunterricht.[16] Er selbst zeichnete nur noch abstrakte, auf wenige Linien reduzierte "Miniaturen", zog sich von menschlichen Kontakten mehr und mehr zurück und erkrankte. 1983 zog er in ein Pflegeheim nach Kiel, wo sich wiederum seine Schwester Dolly Cornelius bis zum Ende seines Lebens um ihn kümmerte.

Werk

Miniatur
"Richard Grunes künstlerisches Werk ist fragmentarisch; vieles ist zerstört, verschwunden oder – bis zur Unauffindbarkeit – verstreut. Die 1946/47 entstandenen Lithographien über seine Zeit in den Konzentrationslagern, vom Keune-Verlag 1947 als Kunstmappe herausgegeben, stellen heute sein Hauptwerk dar: 'Passion des XX. Jahrhunderts'. Nur wenige Exemplare sind erhalten. Auf den zehn Blättern entfaltet sich das große Leid der Menschen in den Lagern, eröffnet den Blick auf das Innere und hebt damit die Gestalt des bloß Sichtbaren auf. Grune verwandelt ihre Körper zu Ausdrucksträgern. Ihren Gesichtern gibt er den Widerschein der schrecklichen Wirklichkeit, ihre Körper werden Symbole des Leidens. Das große Morden in den Lagern, das ist die 'Passion', die das 20. Jahrhundert für immer prägen wird. Doch Richard Grune zeigt auch anrührende Momente der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe. Dieses Werk weist deshalb weit über seine Zeit hinaus. [...]
Die Zeichnungen der frühen Jahre sprühen vor Lebensfreude. [Sie] lassen die Hoffnung auf eine neue Zeit erahnen. Sie sind gekennzeichnet durch den Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft. Sie stehen für einen Künstler im Aufbruch, für einen ambitionierten mutigen Kreativen auf dem Weg zu sich selbst.
Nach 1945 muss Grune erleben, dass sein künstlerisches Werk nicht anerkannt wird. Ihm fehlt die Kraft für große Formate. [...] Sein Werk verändert sich. Die 'Miniaturen' der 1950er Jahre sind abstrakt, die Körper werden reduziert auf wenige Linien und doch ist noch immer die Lebenslust zu spüren. Die wohl im Hafenmilieu entstandenen erotischen Motive können als seine verborgene eben nicht erloschene Sehnsucht nach Leben gedeutet werden."[17]

Erinnerung und Ehrungen

Da Richard Grune in den letzten Jahrzehnten seines Lebens keine Werke mehr veröffentlicht hatte, war er bei seinem Tod bereits nahezu vergessen - ebenso wie sein Mitstreiter aus der Arbeiterbewegung, Niels Brodersen, den er um mehr als 10 Jahre überlebte.

In den Jahren nach seinem Tod machte seine Schwester Dolly Cornelius Rolf Fischer auf sein Schicksal aufmerksam, der seitdem daran arbeitet, mit Zeitungsartikeln, Vorträgen und einer Ausstellung die Erinnerung an Richard Grune und sein künstlerisches Schaffen wieder wachzurufen.

1987 widmete das Kieler Stadtmuseum den beiden Freunden eine gemeinsame Ausstellung: Niels Brodersen und Richard Grune – zwei vergessene Künstler aus Kiel. Die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte brachte dazu in ihren Mitteilungen einen Aufsatz von Karl Rickers heraus (s.u.), der heute noch erhältlich ist.

Am 19. April 2009 war die Feier zum 64. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen dem Leben von Richard Grune gewidmet. Die zentrale Rede hielt Alexander Zinn, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg.

2019 erschien eine Biografie des Künstlers von Rolf Fischer (s.u.).

Literatur & Links

Quellen

  1. K. R.: Richard Grune in Kiel gestorben, Kieler Nachrichten, 4.12.1984
  2. Rickers: Ausstellung, S.
  3. Zinn: Passion
  4. Fischer: Spur
  5. Zinn: Passion
  6. Zinn: Passion
  7. Zinn: Passion
  8. Zinn: Passion
  9. Zinn: Passion
  10. Bericht Dolly Cornelius, zit. bei Zinn: Passion
  11. DPD: Nächtliches Attentat auf KZ-Bilder, Kieler Nachrichten und VZ vom 1.4.1946
  12. K. Rickers: Richard Grune. Ein Zeichner menschlicher Leiden, VZ, 3.4.1946
  13. Ulrike Knöfel: Vertrautes, grausames Rätsel, DER SPIEGEL, 12.8.2017
  14. Zinn: Passion
  15. Zinn: Passion
  16. Zinn: Passion
  17. Rolf Fischer, Richard Grune - künstlerische Einordnung, abgerufen 17.11.2018