Zigarrenarbeiter/in

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Zigarrenmacher (Gemälde von Johannes Marx, 1889)

Zigarrenarbeiter*innen nahmen in der Frühphase der schleswig-holsteinischen Arbeiterbewegung eine herausragende Stellung ein. Aufgrund ihrer besonderen Arbeitsbedingungen, ihrer hohen Mobilität und ihres Bildungsgrades fungierten Zigarrenarbeiter ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als "Pioniere" und "Intellektuelle" der frühen Sozialdemokratie, in Schleswig-Holstein insbesondere in den Städten Altona, Kiel und Neumünster.

Sozioökonomischer Hintergrund

Die Zigarrenherstellung war im 19. Jahrhundert ein Handwerk, das kaum Maschinen benötigte und in kleinen Werkstätten oder in Heimarbeit ausgeübt wurde. Im Gegensatz zu den traditionellen Zünften war das Tabakgewerbe ein "freies Gewerbe". Dies zog viele Menschen an, die aus starren handwerklichen Strukturen ausbrechen wollten.

Schleswig-Holstein, insbesondere das damals dänisch verwaltete Altona, entwickelte sich zu einem Zentrum der Tabakverarbeitung, da der Zugang zu Rohstoffen über den Seehandel erleichtert war und die Zollbedingungen günstig lagen.

Die Institution des Vorlesers

Ein Alleinstellungsmerkmal der Zigarrenmacherkultur war die Stille während der Arbeit. Da weder Lärm noch die Konzentration auf gefährliche Maschinen die Kommunikation störten, etablierte sich die Tradition des Vorlesens. Die Arbeiter legten Geld zusammen, um Zeitungen und politische Schriften zu kaufen. Ein Arbeiter (der "Vorleser") las vor, während die anderen für ihn die Produktionsquote mit erfüllten.

Diese Praxis führte dazu, dass Zigarrenarbeiter oft politisch besser informiert waren als andere Berufsgruppen. Sie diskutierten während der Arbeit die Thesen von Ferdinand Lassalle oder Karl Marx, was die Werkstätten zu Keimzellen politischer Bildung machte.

Mobilität und Organisation

Zigarrenarbeiter waren oft Wandergesellen. Sie verbreiteten politische Ideen und organisatorisches Know-how von den Zentren wie Hamburg oder Leipzig bis in die ländlicheren Gebiete Schleswig-Holsteins. So entstanden in Altona und Kiel 1863/64unter maßgeblicher Beteiligung von Zigarrenmachern die ersten Lokalvereine des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Der 1865 gegründete Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein war eine der ersten zentral organisierten Gewerkschaften in Deutschland und diente als strukturelles Vorbild für die SPD-Vorläuferorganisationen.

Bekannte Persönlichkeiten

Viele frühe Führungspersönlichkeiten der SPD in Schleswig-Holstein stammten aus diesem Milieu oder wurden dort geprägt:

  • Julius Bruhns: Zigarrenarbeiter aus Altona, der später für die SPD in den Reichstag einzog und in seinen Memoiren die „Pipenmacher-Kultur“ literarisch verewigte.
  • Adolph von Elm: Zigarrenarbeiter. Reichstagsabgeordneter 1894 bis 1907.
  • Karl Frohme: Zwar gelernter Schlosser, fand aber in den Altonaer Zigarrenmacher-Kreisen seine politische Basis und vertrat den Wahlkreis Altona über Jahrzehnte im Reichstag.
  • Hermann Molkenbuhr: Zigarrenarbeiter. Reichstagsabgeordneter 1890 bis 1924.
  • Otto Reimer: Zigarrenarbeiter. Reichstagsabgeordneter 1874 bis 1877.
  • Georg Winter: Zigarrenarbeiter & Agitator.

Niedergang und Erbe

Mit der Einführung der Tabaksteuer, dem staatlichen Tabakmonopol unter Bismarck und der zunehmenden Mechanisierung der Produktion Ende des 19. Jahrhunderts schwand der Einfluss der Zigarrenmacher. In der SPD blieb ihr Erbe jedoch als Ideal des "gebildeten Arbeiters“ erhalten. Die Tradition der Lesekreise und die Betonung der politischen Bildung innerhalb der schleswig-holsteinischen SPD lassen sich direkt auf die Diskussionskultur der Zigarrenmacher zurückführen

Literatur