Ida Hinz

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Ida Hinz
Ida Hinz
Geboren: 28. Dezember 1904
Gestorben: 26. Mai 1986

Ida Hinz (geb. Präkelt), * 28. Dezember 1904 in Bönebüttel bei Neumünster, † 26. Mai 1986 in Kiel. Verheiratet mit Friedrich 'Fiete' Hinz, keine Kinder. Mitglied der SPD seit 1921.

Werdegang

Ida Hinz wurde die sozialdemokratische Weltsicht nicht in die Wiege gelegt. Ihre bürgerliche Familie zog nach Kiel-Gaarden, als sie zwei Jahre alt war. "Frühe persönliche Verantwortung und die Erfahrung des Ersten Weltkrieges"[1] formten ihre Weltsicht stärker als ihre Herkunft. Sie schloss 1919 die Volksschule ab; im selben Jahr starb ihre Mutter, die sie während ihrer schweren Erkrankung gepflegt hatte. Fortan führte die 15jährige Ida den Haushalt und trug durch Tätigkeiten bei der Marineverwaltung und Kieler Firmen zum Familieneinkommen bei. Dafür verzichtete sie auf die eigentlich geplante Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten.

"Aus Abwehr gegen das enge wilhelminische Bürgertum"[2] schloss sie sich 1914[3] der Freien Jugendorganisation an der Kieler Förde (später Kieler Arbeiterjugend) an, wo sie Fiete Hinz kennenlernte, den sie etwa 1932 heiratete. Durch die Diskussionen in der Arbeiterjugend, durch Volkshochschulkurse und Vorträge erweiterte die bildungshungrige junge Frau ihr Wissen. 1921 trat sie der SPD bei, 1928 auch dem Arbeiter-Turn- und Sportbund.

Über ihr Leben während der NS-Herrschaft liegen uns kaum Informationen vor. Sie scheint nicht zu den in der Weimarer Republik politisch aktiven Frauen gehört zu haben und blieb von daher möglicherweise weitgehend unbehelligt. Dass sich an ihrer sozialdemokratischen Überzeugung nichts geändert hatte, wurde deutlich daran, dass sie 1945 sofort wieder in die SPD eintrat und auch politisch aktiv wurde. Später sagte sie dazu:

"Schon in den Bombennächten hatte ich mir vorgenommen, am Wiederaufbau unserer Stadt mitzuhelfen, wenn ich das Ende dieses Krieges miterleben sollte."[4]
Ida und Fiete Hinz privat

Sie entwickelte sich zu einer der herausragenden Frauen der Kieler SPD, während ihr Mann die Geschäftsführung der Kieler AWO übernahm, in der sie auch aktiv war. Eine Berufstätigkeit nahm sie, so weit bekannt, nach 1945 nicht wieder auf; nur so war ihr der volle Einsatz in der Kommunalpolitik möglich, den sie zeigte. Daneben hatte sie zahlreiche weitere Ehrenämter inne, etwa als stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe Kiel in der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sowie des Kreiskuratoriums Unteilbares Deutschland; sie gehörte den Vorständen des Kommunalvereins Gaarden, der Vereinsbäckerei Gaarden und der Kieler Marie-Christian-Heime an.

Ihrer Heimat Gaarden blieb sie lebenslang verbunden und lebte zuletzt in der ???. Nach einer beeindruckenden kommunalpolitischen Laufbahn zog sie sich zurück und starb nach längerer Erkrankung, wie es heißt, "in den Armen ihres Mannes".[5]

Partei & Politik

Ida Hinz, Kandidatin für die Kommunalwahl 1946.

Schon 1946 übernahm Ida Hinz von Gertrud Völcker die Leitung der Kreis-Frauengruppe und vertrat diese im Kreisvorstand. Dass ihr speziell die Situation von Frauen in dieser Zeit am Herzen lag, wird aus einer Kolumne von 1946 deutlich, offenbar zurückgehend auf Vorfälle, nach denen sie den Betreffenden zur Rede gestellt hatte:

"Da will ein Dienststellenleiter keine weiblichen Arbeitskräfte einstellen. 'Frauen gehören an den Kochtopf', meint er. [...] In einer anschließenden Aussprache meinte [er], er habe gar nichts gegen die Berufsarbeit der Frau. Aber das Vorrecht auf Arbeit hätten doch die Männer, die eine Familie zu ernähren haben.
Ob dieser Herr gar nicht weiß, daß 60 Proz. aller Frauen keinen Mann haben, der für sie und ihre Familie sorgt?"[6]

1950 übergab sie die Leitung der Frauengruppe und den damit verbundenen Sitz im Kreisvorstand an Frieda Bendfeldt, gehörte dem Kreisvorstand aber von 1953 bis 1971 als Beisitzerin an.

Ratsfraktion

Zur Kommunalwahl 1946 trat sie im Wahlkreis Gaarden-Ost erfolgreich als Kandidatin an und blieb 28 Jahre Mitglied der Ratsversammlung.

Ihre Aufgaben als Ratsherrin (wie es damals noch hieß) sah sie vor allem in der Lösung der vielfältigen sozialen Probleme, die der verlorene Krieg mit sich brachte, im Wiederaufbau Kiels und in der Aussöhnung mit den von Deutschland überfallenen Nachbarn.

Schon 1947 lud eine dänische Frauenorganisation 40 Frauen aus Westdeutschland, zu denen Ida Hinz gehörte, zu völkerverbindenden Gesprächen ein. Sie nutzte diese, um für Hilfsmaßnahmen für notleidende Kieler Kinder zu werben, denen dänische Familien schon nach dem 1. Weltkrieg Unterstützung geboten hatten. Kontakte vor allem zur dänischen Sozialdemokratie blieben ein Teil ihrer politischen Arbeit. Sie baute auch erste Kontakte nach Estland auf und nahm teil an einer internationalen Tagung in Bad Reichenhall, zu der eine amerikanische politische Frauenorganisation eingeladen hatte.

Von Anfang an kümmerte sie sich vorrangig um die zahlreichen Wohnungssuchenden im zerbombten Kiel. In der allgemeinen Notlage war die Trennung zwischen politischem und privatem Leben vielfach aufgehoben: "In jenen Tagen standen die Hilfesuchenden vor ihrer Privatwohnung Schlange, um persönlich ihre Nöte vorzutragen."[7]

Konsequenterweise übernahm sie 1951 als ehrenamtliche Dezernentin das Wohnungsamt, möglicherweise die größte Herausforderung in der immer noch stark zerstörten, wenn auch bestens geräumten Stadt. In diesem Amt war sie gleichzeitig Aufsichtsratsmitglied der Kieler Wohnungsbaugesellschaft. Sie setzte sich für den zügigen Neubau günstiger Wohnungen ein, versuchte aber auch, in möglichst vielen Einzelfällen zu helfen. Später wurde sie beschrieben als Frau, "die sich nie scheute, dort zuzupacken, wo Not am Mann war".[8]

1959 wechselte sie für 11 Jahre in das weniger aufreibende Stadtgartenamt und beanspruchte: "Ich war die erste Grüne im Rat!"[9] Auch hier erwarb sie sich Anerkennung durch die Schaffung städtischer Grünanlagen, die Erhaltung von Kleingärten und erste Vorgarten- und Balkonwettbewerbe.

Stadtpräsidentin

Ida Hinz empfängt 1972 den dänischen Minister Per Haekkerup.

Schon seit 1952 hatte Ida Hinz das Amt der stellvertretenden Stadtpräsidentin inne. Nach der Kommunalwahl 1970 wählten die zwei in der Ratsversammlung vertretenen Fraktionen (SPD und CDU) sie am 21. Mai 1970 einstimmig als Nachfolgerin von Hermann Köster zur bundesweit ersten Stadtpräsidentin:

"Auf Vorschlag der SPD-Ratsherrenfraktion wurde Ida Hinz - seit 1946 Mitglied der Ratsversammlung und erfahrene Stadträtin - neue Stadtpräsidentin. Zum ersten Mal gab es in einer schleswig-holsteinischen Großstadt eine Frau im höchsten Amt der Stadt."[10]

Sie hegte offenbar keine Illusionen, denn gleich nach der Wahl sagte sie dem Gremium:

"Im Zeichen der Gleichberechtigung werde ich es als Frau ertragen, wenn Sie hart mit mir umgehen."[11]

Auch ihre politischen Gegner bescheinigten ihr eine "ausgleichende Persönlichkeit", "humanen Humor", und dass sie "die Stadt Kiel mit Charme im In- und Ausland repräsentierte", zugleich aber Autorität und dass sie "das Heft der Verhandlungsführung niemals aus der Hand gibt".[12]

In ihre Amtszeit fiel unter anderem die Austragung der olympischen Segelwettbewerbe von 1972, die große öffentliche Aufmerksamkeit und viel internationale Prominenz nach Kiel brachten.

Zur Kommunalwahl 1974 trat die 69-Jährige nicht wieder an. Am 25. April 1974 schied sie aus der Ratsversammlung aus.

Ehrungen

Ida Hinz erfuhr für ihr langjähriges kommunalpolitisches Engagement zahlreiche Ehrungen:

  • 1961 erhielt sie die Goldmedaille des Kieler Kommunalvereins.
  • 1970 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.
  • Am 4. Februar 1972 verlieh ihr die Kieler Karnevalsgesellschaft "Rheingold" den Orden "amica laetitiae" ("Freundin der Fröhlichkeit").[13]
  • 1973 wurde sie mit der Freiherr-vom-Stein- und der Andreas-Gayk-Medaille ausgezeichnet.
  • Am 25. April 1974 verlieh ihr die Kieler Ratsversammlung einstimmig die Ehrenbürgerwürde der Stadt - als bisher einziger Frau.[14]
  • Die Marie-Christian-Heime benanten Ende der 1960er Jahre ein neues Jugendheim nach ihrem langjährigen Vorstandsmitglied.[15]
  • In der Bevölkerung wurde sie lange Jahre schlicht "uns Ida" genannt; alle wussten, wer gemeint war.

Literatur & Links

  • Geckeler, Christa: Stadtpräsidentin Ida Hinz (1904-1986), abgerufen 18.8.2019
  • Schultheiß, Nicole: Geht nicht gibt's nicht - 24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte, Kiel 2007 (Beitrag über Ida Hinz S. 16-18, im Internet Ida Hinz, ergänzte Version, abgerufen 18.8.2019)
  • SPD-Kreisverband Kiel (Hrsg.): 1863-1978. 115 Jahre Sozialdemokratie. Festschrift der Kieler Sozialdemokraten (Kiel 1978)

Quellen

  1. Schultheiß, S. 16
  2. Schultheiß, S. 16
  3. So Geckeler. Schultheiß, S. 16, gibt 1914 an.
  4. ?, zit. von Geckeler
  5. Ehrenbürgerin Ida Hinz tot, Kieler Nachrichten, 28.5.1986
  6. Ida Hinz: Ein Frauenfeind, VZ, 4.12.1946
  7. Seit der ersten Stunde dabei: Ida Hinz, Kieler Nachrichten, 12.10.1971
  8. Ehrenbürgerrechte für "uns Ida", Kieler Nachrichten, 26.4.1974
  9. Ehrenbürgerin Ida Hinz tot, Kieler Nachrichten, 28.5.1986
  10. SPD-Kreisverband Kiel, S. 30
  11. Zum ersten Mal steht eine Frau an Kiels Spitze, Kieler Nachrichten, 22.5.1970
  12. Ehrenbürgerin Ida Hinz tot, Kieler Nachrichten, 28.5.1986
  13. Amica Ida, Kieler Nachrichten, 5.2.1972
  14. Ehrenbürgerrechte für "uns Ida", Kieler Nachrichten, 26.4.1974
  15. Ida Hinz wird 65 Jahre alt, Kieler Nachrichten, 27.12.1969