Siegfried Zimmermann: Unterschied zwischen den Versionen

Aus SPD Geschichtswerkstatt
BeLö (Diskussion | Beiträge)
Markierung: 2017-Quelltext-Bearbeitung
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Markierung: 2017-Quelltext-Bearbeitung
Zeile 29: Zeile 29:
}}
}}


'''Siegfried Zimmermann''', * [[1933]] in Swinemünde/Pommern (heute zu Polen gehörig); verstorben. War Mitglied der SPD.
'''Siegfried Zimmermann''', * [[1933]] in Swinemünde/Pommern (heute Świnoujście/Polen); verstorben. Mitglied der SPD.


== Werdegang ==
== Werdegang ==
* Rechtsanwalt und Bauunternehmer, ab [[1962]] eigene Kanzlei in Kiel.
Siegfried Zimmermann kam nach der NS-Herrschaft mit seiner Familie als Flüchtling oder Vertriebener des 2. Weltkrieges nach Kiel. Er machte sein Abitur an der Hebbelschule, studierte Jura und legte schon nach sechs Semestern [[1956]] das 1. juristische Staatsexamen ab. Als Referendar war er "politisch und wissenschaftlich für den damaligen Direktor der Bibliothek für Weltwirtschaft tätig". Er wurde Rechtsanwalt, dann auch Notar und hatte ab [[1962]] eine eigene Kanzlei in der Holstenstraße.<ref name=":0">mu: ''Seiltanz mit fremden Geldern'', ''Kieler Nachrichten'', 31.10.1978. Dort auch alle Zitate.</ref> Privat lebte der "Fliegenträger in Permanenz" mit seiner Ehefrau Ilse in einem Haus mit Garten in [[Ortsverein Schilksee|Schilksee]].<ref>''Kieler Nachrichten'', 28.6.1973. Dort auch das Zitat.</ref>
 
[[1970]] ließ er sich darauf ein, Geschäftsführer und später Gesellschafter zweier Firmen der Baubranche zu werden, für deren Führung er "jedoch kein unternehmerisches Geschick" mitbrachte, und "ihm fehlte auch das notwendige Glück". Für den Versuch, Liquiditätsschwierigkeiten der Firmen zu überbrücken, griff er auf ihm anvertraute Mandantengelder zurück. Dafür musste er sich später vor Gericht verantworten. Ihm wurde Untreue in sieben Fällen vorgeworfen, ein Schaden von insgesamt etwa 1 Mio. DM. Das Gericht hielt ihm zugute, dass er zum einen von Anfang an "tatkräftig an der Aufklärung des komplizierten Sachverhalts" mitgewirkt und sich selbstkritisch gezeigt hatte; zum anderen hatte er sich an diesen Geldern nicht persönlich bereichert. Dazu kam, dass er für seine Verfehlungen, wie es im Plädoyer seines Anwalts heißt, bereits mit dem "Verlust seines Berufes, seiner gesellschaftlichen und politischen Stellung und seines privaten Glücks" bestraft worden sei.<ref name=":0" />
 
Er verlor also nicht nur seine Zulassung als Rechtsanwalt und Notar sowie seine Position als führendes Mitglied der Ratsversammlung; offensichtlich trennte sich auch seine Ehefrau von ihm. Der Untertitel des ''KN''-Berichts, "Um Karriere und Glück gebracht", traf ganz offenbar den Kern.<ref name=":0" />
 
Bei Berücksichtigung aller Umstände sah das Gericht jedoch angesichts der Schwere der Vergehen keine Möglichkeit, eine Bewährungsstrafe zu verhängen. Siegfried Zimmermann wurde zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.<ref name=":0" />  Zur Zeit des Verfahrens arbeitete er als kaufmännischer Angestellter; seine Kanzlei ist seit [[1979]] nicht mehr im Kieler Adressbuch verzeichnet. Über sein weiteres Schicksal ist bisher nichts ermittelt.


== Kommunalpolitik ==
== Kommunalpolitik ==
* Von [[1962]] bis August [[1975]] Ratsmitglied.
[[Datei:Siegfried Zimmermann 1972.png|thumb|left|220px|Siegfried Zimmermann in der Ratsversammlung, Dezember 1972]]In der [[Kommunalwahl 1962]] wurde Siegfried Zimmermann zum ersten Mal in die Kieler Ratsversammlung gewählt, im Wahlkreis 27 (Schilksee), und gehörte der [[Kreisverband Kiel - Ratsfraktion|Kreisverband Kiel - Ratsfraktion]] bis zu seinem Rücktritt im August [[1975]] an. Von [[1966]] bis [[1972]] war er ehrenamtlicher Sportdezernent. Im Januar [[1972]] wählte ihn die Ratsfraktion als Nachfolger von [[Fritz Quade]] zum Vorsitzenden.<ref>SPD-Ratsfraktion Kiel: ''1946-2016 Jubiläum der SPD-Ratsfraktion'' (Kiel 2017)</ref> Er setzte sich mit deutlichem Vorsprung gegen [[Wilhelm Marschner]] durch.<ref>hg[Horst Gerschewski]: ''SPD wählte Zimmermann'', ''Kieler Nachrichten'', 13.1.1972</ref>
* Von [[1966]] bis [[1972]] ehrenamtlicher Stadtrat für Sport.
 
* Von [[1972]] bis [[1975]] Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion.<ref>Broschüre ''1946-2016 Jubiläum der SPD-Ratsfraktion'' Herausgeberin: Ulrike Wiese, SPD-Ratsfraktion Kiel</ref>.
Im Sommer [[1975]] kam es zu einem Konflikt zwischen Siegfried Zimmermann und seinem [[Ortsverein Schilksee]]. Der Ortsverein sah keine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mehr gegeben. Die Ratsfraktion stellte sich hinter ihren Vorsitzenden, schaltete die Kontrollkommission ein und drohte ihrerseits den verantwortlichen Mitgliedern des Ortsvereins mit einem Parteiausschlussverfahren.<ref>Ph: ''Vertrauen für Siegfried Zimmermann'', ''Kieler Nachrichten'', 5.7.1973</ref> Dabei ging es um ein Schilkseer Bauprojekt, wo ihr Ratsherr und andere Fraktionsmitglieder - so sah es der Ortsverein - sich nicht an einen von ihm gefassten Beschluss gehalten hätten. Wie die Sache ausging, ist noch nicht ermittelt.
Nach den verlorenen Kommunalwahlen [[1974]] in Kiel stellte die SPD nach der CDU nur noch die zweitgrößte Fraktion. Das führte zu Auseinandersetzungen in der Ratsfraktion. Der Fraktionsvorsitzende Zimmermann hat den Kurs des früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden [[Heinz Lüdemann]] zu einem "reinrassigen" hauptamtlichen Magistrat nie für richtig gehalten. <ref>''Kieler Nachrichten'' vom 14.04.1975</ref> Er strebte - auch unter Berücksichtigung des Kommunalwahlergebnisses - eine Beteiligung der CDU im hauptamtlichen Magistrat an, konnte sich in der SPD-Fraktion mit dieser Position aber nicht durchsetzen. Als Konsequenz daraus legte er den Fraktionsvorsitz und sein Ratsmandat nieder. Gegenüber den ''Kieler Nachrichten'' nannte er persönlich-berufliche Gründe, aber auch die Entwicklung in der SPD-Ratsfraktion als Ursachen für seine Entscheidung.<ref>''Kieler Nachrichten'' vom 10.06.1975</ref> Zu seinem Nachfolger wurde [[Egon Müller]] gewählt.
 
Nach der verlorenen [[Kommunalwahl 1974]] stellte die [[Kreisverband Kiel|Kieler SPD]] nach der CDU nur noch die zweitgrößte Fraktion. Das führte zu Reibungen innerhalb der Ratsfraktion. Siegfried Zimmermann hatte den Kurs seines Vorgängers [[Heinz Lüdemann]], der mit einem rein hauptamtlichen Magistrat arbeiten wollte, nie für richtig gehalten.<ref>''Kieler Nachrichten'', 14.4.1975</ref> Er strebte angesichts der Mehrheitsverhältnisse eine Beteiligung der CDU im hauptamtlichen Magistrat an, konnte sich damit in seiner Fraktion aber nicht durchsetzen. Als Konsequenz daraus legte er den Fraktionsvorsitz und sein Ratsmandat nieder. Gegenüber der Presse verwies er auf persönlich-berufliche Gründe, aber auch auf die Entwicklung in der SPD-Ratsfraktion als Gründe für seine Entscheidung.<ref>''Kieler Nachrichten'', 10.6.1975</ref> Zu seinem Nachfolger wurde [[Egon Müller]] gewählt.
 
== Ehrungen ==
Am [[23. Oktober]] [[1974]] erhielt Siegfried Zimmermann in Anerkennung seines kommunalpolitischen Engagements die Freiherr-vom-Stein-Medaille des Landes Schleswig-Holstein.<ref>''Kieler Nachrichten'', 24.10.1974</ref>


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
Zeile 45: Zeile 55:
{{Navigationsleiste Fraktionvorsitzende Kiel}}
{{Navigationsleiste Fraktionvorsitzende Kiel}}


[[Kategorie:Kreisverband Kiel|Zimmermann, Siegfried]]
[[Kategorie:Kreisverband Kiel]]
[[Kategorie:Ortsverein Kiel-Schilksee]]

Version vom 25. August 2023, 11:10 Uhr

Siegfried Zimmermann
Siegfried Zimmermann
Siegfried Zimmermann
Geboren: 24. Januar 1933


Siegfried Zimmermann, * 1933 in Swinemünde/Pommern (heute Świnoujście/Polen); verstorben. Mitglied der SPD.

Werdegang

Siegfried Zimmermann kam nach der NS-Herrschaft mit seiner Familie als Flüchtling oder Vertriebener des 2. Weltkrieges nach Kiel. Er machte sein Abitur an der Hebbelschule, studierte Jura und legte schon nach sechs Semestern 1956 das 1. juristische Staatsexamen ab. Als Referendar war er "politisch und wissenschaftlich für den damaligen Direktor der Bibliothek für Weltwirtschaft tätig". Er wurde Rechtsanwalt, dann auch Notar und hatte ab 1962 eine eigene Kanzlei in der Holstenstraße.[1] Privat lebte der "Fliegenträger in Permanenz" mit seiner Ehefrau Ilse in einem Haus mit Garten in Schilksee.[2]

1970 ließ er sich darauf ein, Geschäftsführer und später Gesellschafter zweier Firmen der Baubranche zu werden, für deren Führung er "jedoch kein unternehmerisches Geschick" mitbrachte, und "ihm fehlte auch das notwendige Glück". Für den Versuch, Liquiditätsschwierigkeiten der Firmen zu überbrücken, griff er auf ihm anvertraute Mandantengelder zurück. Dafür musste er sich später vor Gericht verantworten. Ihm wurde Untreue in sieben Fällen vorgeworfen, ein Schaden von insgesamt etwa 1 Mio. DM. Das Gericht hielt ihm zugute, dass er zum einen von Anfang an "tatkräftig an der Aufklärung des komplizierten Sachverhalts" mitgewirkt und sich selbstkritisch gezeigt hatte; zum anderen hatte er sich an diesen Geldern nicht persönlich bereichert. Dazu kam, dass er für seine Verfehlungen, wie es im Plädoyer seines Anwalts heißt, bereits mit dem "Verlust seines Berufes, seiner gesellschaftlichen und politischen Stellung und seines privaten Glücks" bestraft worden sei.[1]

Er verlor also nicht nur seine Zulassung als Rechtsanwalt und Notar sowie seine Position als führendes Mitglied der Ratsversammlung; offensichtlich trennte sich auch seine Ehefrau von ihm. Der Untertitel des KN-Berichts, "Um Karriere und Glück gebracht", traf ganz offenbar den Kern.[1]

Bei Berücksichtigung aller Umstände sah das Gericht jedoch angesichts der Schwere der Vergehen keine Möglichkeit, eine Bewährungsstrafe zu verhängen. Siegfried Zimmermann wurde zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.[1] Zur Zeit des Verfahrens arbeitete er als kaufmännischer Angestellter; seine Kanzlei ist seit 1979 nicht mehr im Kieler Adressbuch verzeichnet. Über sein weiteres Schicksal ist bisher nichts ermittelt.

Kommunalpolitik

Siegfried Zimmermann in der Ratsversammlung, Dezember 1972

In der Kommunalwahl 1962 wurde Siegfried Zimmermann zum ersten Mal in die Kieler Ratsversammlung gewählt, im Wahlkreis 27 (Schilksee), und gehörte der Kreisverband Kiel - Ratsfraktion bis zu seinem Rücktritt im August 1975 an. Von 1966 bis 1972 war er ehrenamtlicher Sportdezernent. Im Januar 1972 wählte ihn die Ratsfraktion als Nachfolger von Fritz Quade zum Vorsitzenden.[3] Er setzte sich mit deutlichem Vorsprung gegen Wilhelm Marschner durch.[4]

Im Sommer 1975 kam es zu einem Konflikt zwischen Siegfried Zimmermann und seinem Ortsverein Schilksee. Der Ortsverein sah keine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mehr gegeben. Die Ratsfraktion stellte sich hinter ihren Vorsitzenden, schaltete die Kontrollkommission ein und drohte ihrerseits den verantwortlichen Mitgliedern des Ortsvereins mit einem Parteiausschlussverfahren.[5] Dabei ging es um ein Schilkseer Bauprojekt, wo ihr Ratsherr und andere Fraktionsmitglieder - so sah es der Ortsverein - sich nicht an einen von ihm gefassten Beschluss gehalten hätten. Wie die Sache ausging, ist noch nicht ermittelt.

Nach der verlorenen Kommunalwahl 1974 stellte die Kieler SPD nach der CDU nur noch die zweitgrößte Fraktion. Das führte zu Reibungen innerhalb der Ratsfraktion. Siegfried Zimmermann hatte den Kurs seines Vorgängers Heinz Lüdemann, der mit einem rein hauptamtlichen Magistrat arbeiten wollte, nie für richtig gehalten.[6] Er strebte angesichts der Mehrheitsverhältnisse eine Beteiligung der CDU im hauptamtlichen Magistrat an, konnte sich damit in seiner Fraktion aber nicht durchsetzen. Als Konsequenz daraus legte er den Fraktionsvorsitz und sein Ratsmandat nieder. Gegenüber der Presse verwies er auf persönlich-berufliche Gründe, aber auch auf die Entwicklung in der SPD-Ratsfraktion als Gründe für seine Entscheidung.[7] Zu seinem Nachfolger wurde Egon Müller gewählt.

Ehrungen

Am 23. Oktober 1974 erhielt Siegfried Zimmermann in Anerkennung seines kommunalpolitischen Engagements die Freiherr-vom-Stein-Medaille des Landes Schleswig-Holstein.[8]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 mu: Seiltanz mit fremden Geldern, Kieler Nachrichten, 31.10.1978. Dort auch alle Zitate.
  2. Kieler Nachrichten, 28.6.1973. Dort auch das Zitat.
  3. SPD-Ratsfraktion Kiel: 1946-2016 Jubiläum der SPD-Ratsfraktion (Kiel 2017)
  4. hg[Horst Gerschewski]: SPD wählte Zimmermann, Kieler Nachrichten, 13.1.1972
  5. Ph: Vertrauen für Siegfried Zimmermann, Kieler Nachrichten, 5.7.1973
  6. Kieler Nachrichten, 14.4.1975
  7. Kieler Nachrichten, 10.6.1975
  8. Kieler Nachrichten, 24.10.1974