Wiedergründung der SPD Schleswig-Holstein

Aus SPD Geschichtswerkstatt

Die Wiedergründung der SPD Schleswig-Holstein fand am 10. März 1946 auf dem ersten offiziellen Bezirksparteitag nach Ende der NS-Herrschaft statt. Symbolträchtig wurde sie am 1. Mai 1946 von der britischen Militärregierung genehmigt.[1]

Ende der NS-Herrschaft

Die Sozialdemokratie war seit 1933 verboten gewesen. Viele Genossinnen und Genossen waren der Idee aber auch während der Nazidiktatur treu geblieben, hatten Parteiinsignien versteckt und nach ihren Möglichkeiten Widerstand geleistet, etwa Andreas Carlsen, Emma Drewanz, Frieda und Andreas Gayk oder Gertrud Völcker. Führende Sozialdemokraten wurden von den Nazis ermordet - Julius Leber, Richard Vosgerau, Willy Verdieck oder Wilhelm Spiegel. Andere waren immer wieder verhaftet und misshandelt worden, hatten mehrere Jahre im KZ verbracht; zu ihnen gehörten der spätere Ministerpräsident Hermann Lüdemann und Hans Schröder. Und einigen wie Willy Brandt, Franz Osterroth, Fritz Baade, Rudolf Katz oder Lisa und Richard Hansen war nur die Flucht ins Ausland geblieben, von wo sie den Widerstand in Deutschland unterstützt hatten. Viele waren gefallen oder in Gefangenschaft geraten, aus der sie, wie etwa Paul Lohmann, durch die Kriegserfahrung schwer beschädigt zurückkehrten.

Das Land lag teilweise in Trümmern - gerade Kiel war zum großen Teil zerstört. Die vielen Not leidenden Flüchtlinge, die Schleswig-Holsteins Einwohnerzahl nahezu verdoppelten, verstärkten die Probleme: zu wenig Wohnungen, zu wenig Lebensmittel, zu wenig Schulen - zu wenig von allem.

Trotzdem oder gerade deswegen arbeiteten die Genossinnen und Genossen an der Wiederbelebung der Arbeiterbewegung: Neben der Partei mussten die Gewerkschaften wieder aktiviert werden, die Arbeitersportvereine, die Jugend- und die Frauenorganisation, die Arbeiterwohlfahrt, der Konsum, die Naturfreunde, der Arbeiter-Samariter-Bund.

Bereits seit Januar 1945 trafen sich frühere SPD-Mitglieder in Kiel in so genannten "Stubenzirkeln", um die Wiedergründung der Partei vorzubereiten. Nachdem die Einnahme Kiels durch britische Truppen am 5. Mai den Krieg in Schleswig-Holstein beendet hatte, gründeten Sozialdemokraten in vielen Orten gemeinsam mit Gewerkschaftern und Kommunisten Gewerkschaftsausschüsse - "Antifas". Zur Kieler Antifa gehörten auch die früheren SPD-Funktionäre Bruno Diekmann, Theodor Werner und Karl Ratz - die führenden Köpfe aus der Zeit vor 1933 waren entweder tot oder lebten nicht in Kiel. Die Stadt wurde Zentrum für den Wiederaufbau des Landesverbandes[2], vor allem nach der Rückkehr von Andreas Gayk.

Von unten wächst die Organisation

Zunächst war durch die britische Militärregierung politische Betätigung strikt verboten. Oft wurde aber der Aufbau lokaler Parteistrukturen geduldet, auch wenn öffentliche Auftritte weiterhin nicht möglich waren. Am 6. August 1945 verkündete die Militärregierung eine Lockerung dieser Politik. Zunächst wurden nur lokale Parteigliederungen genehmigt.

Ab dem 15. September 1945 erlaubte die britische Militärregierung mit der Verordnung Nr. 12 zur "Bildung von politischen Parteien" auch die Gründung von Kreisverbänden bzw. Unterbezirken. Sofort begannen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im ganzen Land mit der Gründung oder Neugründung von Gliederungen. Binnen vier Monaten waren alle 21 Kreisverbände gegründet. Der Bezirksvorstand berichtete Ende September an Kurt Schumacher, dass er mit 80 Ortsvereinen in Kontakt stehe.[3]

Erst am 11. Dezember berief die Militärregierung eine Konferenz, auf der Oberstleutnant Annan als Vertreter der Kontrollkommission für Deutschland im Kieler Gewerkschaftshaus 200 geladenen Persönlichkeiten - Parteiführern, Landräten, Bürgermeistern - die Absichten der Militärregierung für die Aktivierung des politischen Lebens der Deutschen erläuterte. Erst jetzt durfte die SPD auch auf Bezirks- und Zonenebene offiziell agieren.[4]

Die Genossinnen und Genossen im Land nahmen Kontakt nach Kiel auf, in der Erwartung, dass in Kürze auch der Bezirksverband neu gegründet würde. Der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Wilhelm Käber, lebte zu dieser Zeit im Kreis Steinburg. Er schrieb in seinen Erinnerungen:

"Schon Ende 1945 habe ich Fäden nach Kiel gesponnen. dort hatten sich im Sommer die Genossen um Wilhelm Kuklinski und Karl Ratz gesammelt und einen provisorischen Bezirksvorstand gebildet, der die Vorbereitungen für den Wiederaufbau der schleswig-holsteinischen Parteiorganisation leistete. Diese Gruppe hatte auch Kontakt nach Hannover aufgenommen, wo Kurt Schumacher in einer kleinen Wohnung in der Jakobstraße den Wiederaufbau der SPD in den Westzonen vorantrieb. Für meine erste Fahrt nach Kiel brauchte ich die Erlaubnis der britischen Behörden, mich von meinem Wohnort zu entfernen und über Nacht wegzubleiben. Der erste der Kieler Gruppe, den ich kennenlernte, war Bruno Diekmann. Wir verstanden uns sofort. Wir trafen uns im Haus der Volkszeitung[...]. Bruno Diekmanns Hauptaugenmerk galt zu dieser Zeit dem Wiederaufbau der Gewerkschaften. Ich blieb dann in ständiger Verbindung mit ihm ebenso wie mit dem gesamten Bezirksvorstand."[5]

Im Frühjahr 1946 entstanden die Frauengruppen, die Falken, die Arbeiterwohlfahrt und die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten neu. Auch die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung und der Lübecker Volksbote, die der SPD nahe standen, konnten ab April 1946 wieder erscheinen.[6]

Einheitspartei oder SPD

Hauptartikel: Einheitspartei mit den Kommunisten?

Die Spaltung der Arbeiterbewegung in KPD und SPD während der Weimarer Republik empfanden viele auf beiden Seiten als schädlich. So kam nach Ende der NS-Diktatur schnell die Idee auf, zum Neubeginn eine Einheitsfront zu bilden oder sogar - wie in der sowjetischen Zone geplant - eine Einheitspartei zu gründen. Der Zentralausschuss der SPD in Berlin forderte dazu auf. In Schleswig-Holstein gab es Befürworter dieser Idee. So gründete sich am 2. September 1945 die "Arbeiterpartei Neumünster" und in der Woche darauf eine weitere in Lübeck.[7] Letztlich setzte sich in Schleswig-Holstein jedoch die Linie von Kurt Schumacher und Andreas Gayk durch, die aufgrund ihrer Erfahrungen vor 1933 jegliches Zusammengehen mit den Kommunisten ablehnten.[8]

Für den 5., 6. und 7. Oktober 1945 hatte Kurt Schumacher die erste Reichskonferenz der SPD nach dem Ende der Nazi-Diktatur angekündigt. Die Militärregierung versagte ihr aber die Genehmigung, so dass nur eine "private Besprechung" stattfinden konnte. Für Schleswig-Holstein nahmen Wilhelm Kuklinski, Karl Ratz, Richard Schenck sowie per Gastmandat Willi Engel und der Flensburger Max Beyreis teil. Lübeck war noch kein offizieller Teil des Bezirks Schleswig-Holstein und stellte deswegen mit Karl Albrecht, August Haut und Hans Oldorf eigene Delegierte. Das wichtigste Ergebnis war für Kurt Schumacher, dass die Konferenz sich gegen eine Einheitspartei mit den Kommunisten und gegen den Führungsanspruch des Zentralausschusses der SPD in Berlin aussprach.[9]

Die Gründung des Bezirksverbandes

Die SPD konnte beim Aufbau der Partei an die Erfahrungen aus der Weimarer Zeit anschließen und hatte dadurch einen Vorteil gegenüber CDU und FDP, die sich erst finden mussten, berichtet Wilhelm Käber.[10] Es existierten bereits 315 Ortsvereine - 100 mehr als vor 1933! - mit über 35.000 Mitgliedern, 350 Veranstaltungen hatten stattgefunden, bevor der Bezirksverband auf dem ersten offiziellen Bezirksparteitag neu gegründet werden konnte.[11]

Das Entstehen des ersten Bezirksvorstandes lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Nach der Erinnerung von Theodor Werner[12] fand nach einer Anfrage der Besatzungsbehörden am 17. August 1945 kurzfristig eine Sitzung von sieben führenden Kieler SPD-Mitgliedern statt, die ihm die Leitung des vorläufigen Bezirksvorstandes übertrugen und Wilhelm Kuklinski als Stellvertreter sowie Karl Ratz als 2. Stellvertreter und Kassierer benannten. Weitere Mitglieder sind nicht namentlich bekannt.

Schon am 19. August tagte der vorläufige Bezirksvorstand erneut und wurde vermutlich um Erich Arp (Elmshorn) und Richard Schenck (Hamburg) erweitert. Diese beiden waren als einflussreiche Mitstreiter von außerhalb Kiels wichtig, da der vorläufige Bezirksvorstand bisher nur über begrenzte Akzeptanz bei den sich bildenden Ortsvereinen im Lande verfügte.[13]

Spätestens am 26. August berief der vorläufige Bezirksvorstand Wilhelm Kuklinski zum gleichberechtigten Vorsitzenden, da Theodor Werner "sich nicht durch besondere Führungsstärke auszeichnete"[14]. Im wesentlichen in dieser Konstellation, erweitert u.a. durch Paul Dölz (Tönning) und Andreas Gayk als Beisitzer und Carl Storbeck als Kassierer (beide Kiel) an Stelle von Ratz, widmete sich der vorläufige Bezirksvorstand dem organisatorischen Neuaufbau der SPD im Lande. Unter anderem plante er, den Aufbau der Weimarer Republik, d.h. einen in sechs Unterbezirke gegliederten Bezirksverband, wieder anzuwenden.[15]

Trotz Verbots durch die Besatzungsbehörden fand bereits im Oktober 1945 ein Bezirksparteitag statt, der einen Vorstand wählte und politische sowie organisatorische Beschlüsse fasste. Diese Arbeit wurde von der Militärregierung höchstens geduldet:

"Am 11.12.1945 unterrichtete Oberstleutnant Annan von der Kontrollkommission für Deutschland im 'Empire Building', wie das Kieler Gewerkschaftshaus jetzt hieß, 200 eingeladene Persönlichkeiten Schleswig-Holsteins - Parteiführer, Landräte, Bürgermeister usw. - über die Absichten der Militärregierung für die Aktivierung des politischen Lebens der Deutschen, die von unten her zu erfolgen habe. Deshalb hätte man bisher nur Parteigliederungen bis zum Kreisverein zugelassen. [..] Für die SPD erklärt Erich Arp darauf, daß sie mit den Besatzungsbehörden sachlich zusammenarbeiten werde. Die Partei besäße heute Vertretungen bis ins letzte Dorf. Sie sei über alle Zonen hinweg einheitlich ausgerichtet als die Partei, die die deutsche Einheit repräsentiere. [..] Die SPD fordere die Rückgabe der ihr 1933 geraubten Partei- und Gewerkschaftshäuser."[16]
Wahlplakat "Raus aus dem Elend"

Auf dem ersten offiziellen Bezirksparteitag im März 1946 konnte es dann richtig losgehen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende des ernannten Landtages Wilhelm Kuklinski wurde zum Bezirksvorsitzenden gewählt. Der Bezirk bekam die äußeren Grenzen des heutigen Landesverbandes: Nachdem klar war, dass der alte Reichstagswahlkreis Lübeck-Mecklenburg nicht wieder eingerichtet werden konnte, wurde Lübeck Teil von Schleswig-Holstein und damit des SPD-Bezirks Schleswig-Holstein. Nachdem alle 21 Kreisvereine genehmigt und gegründet waren, stellte im April die SPD den Antrag zur Genehmigung des Bezirksverbands. Die Genehmigung wurde am 1. Mai 1946 erteilt. Der Aufbau der Partei von unten nach oben war damit in Schleswig-Holstein abgeschlossen.[17]

Mit Material wie dem Flugblatt Die scheußliche Politik versuchte die Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein, die Bevölkerung vom Sinn der Demokratie und dem Wert der Mitarbeit in der SPD zu überzeugen.

Die größten Aufgaben aber lagen noch vor ihr: Das Land stand vor "schier unlösbaren Problemen, die uns der völlige Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur hinterlassen hat", wie es in einem Aufruf der SPD im Landtag hieß.[18] Das Motto der SPD zur ersten freien Landtagswahl 1947 lautete: "Raus aus dem Elend!"

Quellen

  1. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 80
  2. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), S. 33
  3. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), Bd. 1, S. 56
  4. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), Bd. 1, S. 78f
  5. Lubowitz, Frank: Wilhelm Käber - Regierung und Opposition (Kiel 1986), ISBN 3-89029-906-7, S. ?
  6. Schilf, Ulrich / Schulte, Rolf / Weber, Jürgen / Wilke, Uta: Der Wiederaufbau der SPD nach dem Krieg, Demokratische Geschichte 3(1988), S. 537-558
  7. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 76 f.
  8. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 60
  9. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), Bd. 1, S. 75
  10. Lubowitz, Frank: Wilhelm Käber - Regierung und Opposition (Kiel 1986), ISBN: 3-89029-906-7, S. ?
  11. Schilf, Ulrich / Schulte, Rolf / Weber, Jürgen / Wilke, Uta: Der Wiederaufbau der SPD nach dem Krieg, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 537-558
  12. Vgl. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 57 f.
  13. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 58
  14. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998) S. 61
  15. Schilf u.a.: Wiederaufbau, S. 547
  16. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963])
  17. Martens, Holger: SPD in Schleswig-Holstein 1945-1959 (Malente 1998), S. 80
  18. Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963])