Norbert Gansel

Aus SPD Geschichtswerkstatt
Norbert Gansel
Norbert Gansel
Geboren: 5. August 1940

Norbert Tronje Gansel, * 5. August 1940 in Kiel; Jurist. Bundestagsabgeordneter, erster direkt gewählter Kieler Oberbürgermeister. Mitglied der SPD (Kreisverband Kiel) seit 1965.

Werdegang

Norbert Gansel wuchs im Kieler Stadtteil Wik auf; sein Vater gehörte der Wehrmacht an. Nach dem Abitur trat er 1960 seinen Wehrdienst bei der Bundesmarine an, den er als Leutnant z.S.d.R. beendete. Von 1962 bis 1969 studierte er Geschichte, Politikwissenschaft, Rechts- und Staatswissenschaften an der CAU in Kiel und hatte von 1966 bis 1969 ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. 1973 legte er sein zweites juristisches Staatsexamen ab.

Er ist oder war Mitglied in der Gewerkschaft verdi und in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sowie im Vorstand der "Atlantikbrücke" und im Kuratorium des Leo-Baeck-Instituts.

Er lebt mit sei­ner Frau Les­ley Gan­sel, gebo­rene Nichol­son, in Kiel-Meimersdorf. Das Ehe­paar hat eine Tochter.[1]

Partei & Politik

1969/70 war Norbert Gansel stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten. Er bewarb sich 1970 in Bremen um das Amt des Bundesvorsitzenden und unterlag gegen Karsten Voigt.

Ab 1968 war er Mitglied, 1986 bis 1991 Vorsitzender des Bundesparteirates, von 1991 bis 1996 Mitglied im Parteivorstand.

Bundestag

Norbert Gansel, 1972

Von 1972 bis 1997 war er Mitglied des Bundestages, jeweils direkt gewählt für den Wahlkreis 5 (Kiel). In diesem Amt bekleidete er u.a. folgende Funktionen:

  • 1972-1980 Mitglied im Ausschuß für Arbeit und Soziales
  • 1980-1997 Mitglied im Auswärtigen Ausschuß, seit 1994 stellvertretender Vorsitzender
  • 1983-1987 Sprecher der SPD in der Nordatlantischen Versammlung und in der Versammlung der Westeuropäischen Union
  • 1986-1990 Obmann der Bundestagsfraktion im U-Boot-Untersuchungsausschuß
  • 1991 stellvertretender Vorsitzender, dann Vorsitzender des Arbeitskreises I (Außen- und Sicherheitspolitik, Europa- und Entwicklungspolitik) der Bundestagsfraktion

Der "gläserne Abgeordnete"

Wahlkreiskonferenz der SPD Kiel, 1975

In seiner Zeit im Bundestag setzte sich Norbert Gansel immer wieder für Transparenz bei den Abgeordnetenbezügen und Nebeneinkommen ein. Bereits 1976 hatte er vorgeschlagen, die Abgeordnetendiäten in Zukunft jährlich nur um den Prozentsatz zu erhöhen, um den auch die Renten aus der Sozialversicherung erhöht werden:

"Draußen bin ich dafür bejubelt worden, drinnen wäre ich fast gelyncht worden; für einen Abgeordneten keine glückliche Position, der ja nicht nur draußen gewählt werden will, sondern drinnen auch etwas bewirken will."[2].

Nach dem "Diäten-Urteil"[3] [4] des Bundesverfassungsgerichts wurde 1975 neu über die Bezahlung von Abgeordneten diskutiert. Statt steuerfreier 3850 DM sollten sie versteuerte 7500 DM pro Monat bekommen. Der SPIEGEL rechnete 82 Prozent Einkommenssteigerung aus. Norbert Gansel protestierte: "Es ist schwierig, politisch für mehr Einkommensgerechtigkeit einzutreten, wenn diejenigen, die sie durchsetzen wollen, sich Privilegien verschaffen."[5]

Außerdem wollte er dafür sorgen, dass Abgeordnete auf Inlandsflügen nur noch Economy-Class fliegen sollte:

"Norbert Gansel, 35, SPD-MdB, stieß sich an einem "peinlichen Privileg" für Bonner Abgeordnete und bat Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, zu überprüfen, ob die Parlamentarier im innerdeutschen Flugverkehr nicht besser Touristenklasse statt 1. Klasse fliegen sollten. Die Mehrkosten für die Nobelflüge der Volksvertreter, schätzt Gansel, würden sich auf rund eine Million Mark pro Jahr belaufen. Doch von dem Sparvorschlag hielt die Präsidentin nichts. "In analoger Anwendung" des Diätengesetzes, so beschied sie den Linksparlamentarier, "besteht auch bei Inlandsflügen ein Anspruch auf die Benutzung der 1. Klasse." Gansel kann dem Rengerschen Analogie-Schluß nichts abgewinnen: "Das heißt doch wohl: Ausland im Sinne des Diäten-Gesetzes ist für Abgeordnete auch Inland."[6]

Weitere Aktivitäten

Schon vor 1977 plante Norbert Gansel, zusammen mit Henning Scherf ein Buch über die "Machtverfilzung" in der SPD zu schreiben, d.h. über die damals durchaus üblichen Mehrfachmandate und Ämterhäufungen. Davon nahmen sie Abstand.

"'Wir hätten uns', entschuldigt sich Scherf, 'dann den Vorwurf der Illoyalität eingeheimst.'"[7]

1995 erwies sich Norbert Gansel wieder einmal als unbequem. Auf seine Frage an die Bundestagsverwaltung, wo er sein Elektroauto "Golf Citystromer", das ihm VW für drei Monate zur Verfügung gestellt hatte, aufladen könne, wurde ihm geantwortet, es müsse wohl ein Zwischenzähler eingebaut werden, damit man ihm die Stromkosten in Rechnung stellen könne. Darauf verzichtete er.[8]

DER SPIEGEL berichtete im Oktober 2014 - in einer Serie über den Fall der Mauer - dass die "kluge und kämpferische Rede", die Ibrahim Böhme, neu gewählter Vorsitzender der DDR-SPD, auf dem Parteitag in Leipzig am 24. Februar 1990 hielt, aus Norbert Gansels Feder stammte.[9]

Oberbürgermeister

Norbert Gansel, 2013

1997 wurde Norbert Gansel erster direkt gewählter Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel.

In seine Amtszeit fiel unter anderem die Entwicklung der Hörn. Der Teilverkauf der Stadtwerke Kiel und der Verkauf der Kieler Wohnungsbaugesellschaft sowie der Kieler Verkehrs-AG dienten der Sanierung des städtischen Haushalts, der aber nur kurzfristig gelang. Dagegen verbesserte Norbert Gansel nachhaltig das Verhältnis der Stadt zur Bundeswehr und zur Universität. Mit der Olympiabewerbung für 2012 polierte er Kiels Image als internationale Segelstadt weiter auf.[10]

Während seiner Amtszeit geriet er zunehmend in - auch öffentlich ausgetragenen - Gegensatz zu großen Teilen der SPD-Ratsfraktion. Dies mag dazu beigetragen haben, dass als seine Nachfolgerin eine CDU-Bewerberin die Mehrheit gegen den SPD-Kandidaten Jürgen Fenske erreichte.

Norbert Gansel blieb bis 2003 im Amt und stellte sich aus Altersgründen nicht zur Wiederwahl.

Ehrungen

  • Der Zeichner Volker Sponholz widmete Norbert Gansel in seiner Amtszeit als Oberbürgermeister die Comic-Figur "Norbert Gans".
  • 2003 Ernennung zum Ehrenbürger der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
  • 2013 Benennung eines Hörsaales in der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nach dem ehemaligen Absolventen

Links

Quellen