Gründung der Sozialdemokratie
| Gründung der Sozialdemokratie |
| (1863-1878) |
| Ferdinand Lassalle |
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Die Gründung der Sozialdemokratie fand im Jahr 1863 mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) statt. Der ADAV ist die älteste Wurzel der SPD.
Im Jahr 1863 war die politische Lage in Schleswig-Holstein von tiefgreifenden Spannungen geprägt, die sich aus dem Konflikt zwischen dänischer Herrschaft und dem wachsenden nationalen Selbstbestimmungsstreben der deutschsprachigen Bevölkerung ergaben. Schleswig und Holstein waren formal Personalunion unter dem dänischen König Christian IX., der gleichzeitig Herzog beider Territorien war. Während Schleswig historisch eng mit Dänemark verbunden war, dominierte in Holstein - als Mitglied des Deutschen Bundes - das deutsche Nationalbewusstsein. Die Novemberverfassung von 1863, mit der Dänemark Schleswig enger an das Königreich binden wollte, verschärfte die Krise: Sie löste Proteste der deutschgesinnten Bevölkerung aus und führte zur Bundesexekution des Deutschen Bundes gegen Dänemark, da die Verfassung als Bruch des Londoner Protokolls von 1852 (das die Erbfolge und Autonomie der Herzogtümer regelte) angesehen wurde.
Die Hansestadt Lübeck blieb als unabhängige Freie Reichsstadt neutral, war aber wirtschaftlich und kulturell eng mit der Region verbunden. Das Fürstentum Lübeck, ein exklaves Territorium des Großherzogs von Oldenburg, spielte politisch eine untergeordnete Rolle. Preußen und Österreich, als führende Mächte des Deutschen Bundes, nutzten die Krise, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen - Preußen strebte eine Expansion nach Norden an, während Österreich seine Position in Deutschland sichern wollte.
Gründung des ADAV
Auf Initiative von Ferdinand Lassalle fand am 23. Mai 1863 in Leipzig der Gründungskongress des ADAV statt. Aus Schleswig-Holstein war noch kein Vertreter dabei; wohl aber aus Hamburg. In Hamburg hatten Arbeiter bereits 1862 ein Arbeiterkommitee gegründet. Von dort aus brachten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten die Idee nach Schleswig-Holstein.[1]

Die Sozialdemokratie breitete sich mit der wachsenden Arbeiterbewegung langsam von Hamburg nach Schleswig-Holstein aus. Der Hamburger Parteiorganisator Theodor Yorck und der Redakteur des Nord-Stern, Karl von Bruhn, waren zum Beispiel die führenden Köpfe der Agitation im Kreis Pinneberg.[2]
Karl von Bruhn gründete erste Ortsvereine in der Umgebung von Altona, die nach ihm "Bruhnsche Gemeinden" genannt wurden. Zunächst noch als lose Organisation, da das Verbindungsverbot überörtliche politische Vereinigungen verboten. Der Kontakt unter den ADAV-Gemeinden wurde über Vertrauenspersonen organisiert. So bildeten Hamburg und Schleswig-Holstein bis 1905 einen gemeinsamen Bezirk unter einer dreiköpfigen Agitationskommission.
"Zur Ungunst dieser politischen Umstände während des Vordringen[s] der lassalleanischen Bewegung von Hamburg nach Schleswig-Holstein kamen wirtschaftliche Verhältnisse, die keine großen Werbeerfolge versprachen. Das vorwiegend konservativ gesonnene Agrarland, in dem der Adel noch eine führende Rolle innehatte, war kein idealer Entwicklungsboden für eine moderne sozialistische Bewegung. Es fehlte an einer lebhaft voranschreitenden Industrialisierung. Von der knapp einen Million Einwohner lebten noch 70 % auf dem Lande. Das Land besaß weder industriell verwertbare Rohstoffe noch lag es verkehrsmäßig günstig. Kiel, das um diese Zeit 18 000 Einwohner besaß, hatte die einzige Schiffswerft der Provinz, in der es mehr als 200 Beschäftigte gab. Neumünster, das - mit 7000 Einwohnern - eine gute Verkehrslage hatte, konnte eine alte Tuchindustire aus 82 kleinen Fabriken und Manufakturen und einigen Maschinenbau aufweisen. In Rendsburg war die 'Karlshütte', in Krusau eine Kupfermühle, in Flensburg und Hadersleben gab es Eisengießereien. Altona, mit 30 000 Einwohner[n] die größte Stadt der Provinz, lag im Schatten des Hamburger Wirtschaftsausfstieges. Einige industrielle Ansätze waren in Ottensen, Wandsbek und Elmshorn vorhanden."[3]
In der Broschüre zum Reichsparteitag 1927 in Kiel schrieb der Bezirksvorsitzende Willy Verdieck, dass bereits in den 1860er Jahren in vielen Orten der Provinz Ableger des ADAV gegründet worden seien. Er zählte Altona, Wandsbek, Krempe, Itzehoe, Pinneberg, Kiel, Elmshorn, Neumünster, Flensburg, Eutin, Rendsburg, Plön und Glückstadt auf. In einer Auflistung der ADAV-Ortsvereine mit mehr als 100 Mitgliedern von 1869 finden sich Neumünster (280 Mitglieder), Altona (164 Mitglieder), Wandsbek (137 Mitglieder) und Kiel (111 Mitglieder).[4]
Schleswig-Holstein wird preußisch
Im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 beteiligte sich die organisierte Arbeiterschaft an der leidenschaftlichen Bewegung zur Befreiung Schleswig-Holsteins von Dänemark. Allerdings war sie nach den wenigen Monaten seit der Gründung noch nicht besonders stark. Dänemark verliert den Krieg und Preußen annektiert die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg.
Bereits an den beiden Reichstagswahlen des Norddeutschen Bundes im Jahres 1864 beteiligen sich die Sozialdemokraten und stellen in einigen Wahlkreisen eigene Kandidaten auf. Denen gelingt es, einige hundert Stimmen zu bekommen, aber gewählt werden sie nicht. Nur in Sachsen wurden bereits einige Sozialdemokraten gewählt. Trotzdem bringen diese frühen Erfolge die Sozialdemokraten ins Visier der Obrigkeit.[5]
Spaltung in ADAV und SDAP
Nach dem Tod Ferdinand Lassalles 1864 mehrte sich die Kritik an dessen ADAV. Es gebe zu wenig innerparteiliche Demokratie und zu wenig Nähe zu den Gewerkschaften, hieß es von Seiten der Kritikern. Zudem monierten sie, dass der ADAV eine kleindeutsche Lösung zur Gründung eines deutschen Staates unterstütze.[6] Ein Kleindeutschland war ein gesamtdeutscher Staat ohne Österreich. Die andere wurde großdeutsche Lösung genannt.
"[...] die SDAP ist die Gegenorganisation zum autokratisch geführten Allgemeinen Deutschen Arbeiter Verein (ADAV), den Ferdinand Lassalle 1863 gegründet hatte. Seit seinem frühen Tod wird der Arbeiterführer dort kultisch verehrt, was viele Sozialdemokraten aus dem ADAV treibt. Hinzu kommt die starke Stellung des Vorsitzenden, und die mangelnde innerparteiliche Demokratie."[7]
Auch die Anhänger der "Eisenacher" Wurzel der SPD, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), gründeten ab 1869 einige Vereine - allerdings deutlich weniger.
Am 6. Mai 1870 ordnete der Regierungspräsident von Schleswig-Holstein die Auflösung der Ortsvereine des ADAV "wegen verbotener Organisation" an und ließ Strafverfahren gegen die führenden Lassalleaner einleiten. Grundlage waren Nachforschungen auf der Basis der Verfügung vom 30. Juni 1869.[8]
Nur wenige Tage später fand nichtsdestotrotz mit dem Arbeitertag in Kiel die erste landesweite Versammlung der Lassalleaner statt. Ein erster Parteitag! Kurz darauf begann der Deutsch-Französische Krieg. Der Krieg beeinträchtigte die Entwicklung des ADAV sehr. Da viele Sozialdemokraten zum Militär eingezogen und andere, arbeitslos geworden, auf Wanderschaft gegangen waren, beschlossen die Ortsvereine in Heide, Beidenfleth, Kiel wie auch andere die "Auflösung auf Zeit".[9]
Die lassalleanischen Abgeordneten im Reichstag des Norddeutschen Bundes stimmten den Kriegskrediten zu. Dies wurde von den schleswig-holsteinischen Gruppen, die den Krieg als Verteidigungskrieg gegen das napoleonische Kaiserreich auffassten, gebilligt. So patriotisch das auch war - auf den repressiven Umgang der Obrigkeit mit der Sozialdemokratie hatte es keinen Einfluss.[9]

Anfang 1872 unternahm der neu gewählte ADAV-Präsident Wilhelm Hasenclever eine Agitationsreise durch Schleswig-Holstein. Sie führte ihn von Altona über Neumünster, Rendsburg, Kiel, Itzehoe, Wilster, Heide, Lunden, Tönning, Friedrichsort, Schleswig, Kellinghusen, Ottensen, Pinneberg und Lübeck nach Hamburg. Zu nennen wäre außerdem Georg Winter, der bis etwa 1873 in Westholstein sehr aktiv war.
"Besondere Begeisterung empfing den "Arbeiterpräsidenten" in Altona, wo er nach Lassalles Vorbild in einer mit Schimmeln bespannten Kutsche einfuhr, was auf die Arbeiter Eindruck machte, aber den Volksstaat der Eisenacher zum Spott reizte. Hasenclevers Reden kritisierten scharf die Polizeimaßnahmen gegen die Arbeiterbewegung, die in Schleswig-Holstein schärfer seien als etwa in Berlin. Kaiser Wilhelm I. regte sich sehr auf, als man ihm einen Zeitungsbericht über den triumphalen Arbeiterfestzug zu Ehren Hasenclevers in Itzehoe zeigte. Der Schleswiger Regierungspräsident mußte dem Bürgermeister von Itzehoe einen scharfen Verweis erteilen, in dem es hieß: 'Mit der öffentlichen Ordnung ist der öffentliche Aufzug einer staatsgefährlichen Agitationspartei unverträglich.'"[10]
Im Juli 1872 warnte der Regierungspräsident im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Schleswig die Bevölkerung nachdrücklich vor den Ideen und Plänen der "sozial-demokratischen Parthei".
"Die Sozialdemokraten gedächten 'alles, was uns ehrwürdig, heilig und lieb ist, das Vaterland, den Thron, den Altar, Sitte und Gesetz umzustoßen, an die Stelle des häuslichen Herdes die Bierbank setzen, Besitz und Eigentum aufzulösen und die Arbeit, die Erhalterin und Ernährerin der Völker zum Spielball ehrgeiziger Parteiführer zu erniedrigen. Es ist die rote Republik, deren ausgesprochener Zweck es ist, die Auslieferung des Eigentums, des mühsamen Erwerbs langer und schwerer Arbeit, zur Verteilung auch an diejenigen in Anspruch zu nehmen, die nicht gearbeitet, nichts erworben haben.'"[11]
Besonders der Hinweis auf jene, "die nicht gearbeitet, nichts erworben haben", ist an Zynismus kaum zu überbieten: Er zielte auf Menschen, die trotz schwerster Arbeit kaum ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, weil diejenigen, die über das Kapital verfügten, davon nichts an die abgeben wollten, die es erarbeiteten!
Ende des Jahres bereisten sozialdemokratische Wanderredner den ostholsteinischen Güterdistrikt. Angekündigt wurden sie mit dem Thema Die Überschwemmung der Ostseeküste - gesprochen wurde über Politik. In Neustadt und Oldenburg gab es deswegen Ärger - in Heiligenhafen wurden sie sogar aus dem Saal geworfen und misshandelt. Trotzdem hatten sie Erfolg. Die Polizei schätzte, dass es im Kirchspiel Burg auf Fehmarn schon 400 Lassalleaner gebe.
Reichsgründung und Vereinigung zur SAP
Mit der Gründung des Deutschen Reichs in Jahr 1874 war die Frage von Kleindeutschland oder Großdeutschland entschieden. ADAV und SDAP vereinigten sich 1875 zur Sozialistische Arbeiterpartei (SAP).
"Mit der Vereinigung beider Richtungen im Jahre 1875 stieg die Schlagkraft der Organisation. Auf dem Sozialistenkongreß zu Gotha im Jahre 1876 wurden 37 Wahlkreise für offizielle Reichstagswahlkreise erklärt. Darunter befanden sich fünf in Schleswig-Holstein, und zwar: 1. Itzehoe-Meldorf, 2. Glückstadt-Elmshorn, 3. Kiel-Neumünster, 4. Altona-Wandsbek, 5. Plön-Segeberg. Schon im Jahre 1874 konnten die Lassalleaner die Wahlkreise Altona-Wandsbek und Plön-Segeberg erobern. Bei der Reichstagswahl im Jahre 1877 zeigte sich der Aufschwung der Partei durch erhöhte Abgabe von sozialistischen Stimmen."[12]
Am 24. Juni 1877 wurde in Neumünster auf einer Parteikonferenz die Gründung einer Parteizeitung für die Provinz beschlossen. Diese, die Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, hatte ein Jahr später rund 8000 Abonnenten. Mit dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes musste die Zeitung ihr Erscheinen einstellen.
Verfolgung und Unterdrückung

Mit einer Gerichtsentscheidung vom 25. Juni 1874 verschärfte sich die Unterdrückung der Sozialdemokratie. Es setzte die Verfolgungswelle der "Ära Tessendorf" ein. Der Berliner Staatsanwalt Hermann Tessendorf erwirkte einen Gerichtsbeschluss, der in Preußen alle ADAV-Gemeinden verbot. Auch die SDAP war betroffen.[13] 1878 wurde die Sozialdemokratie unter dem Sozialistengesetz für 12 Jahre verboten.
Die Genossen trafen sich dennoch Ostern 1879 in der Umgebung von Neumünster und wählten eine fünfköpfige Agitationskommission. Franz Schneider war Vorsitzender, Heinrich Lienau Schriftwart, Friedrich Butenschön Schatzmeister; die weiteren Namen nennt Heinrich Lienau in seinen Erinnerungen nicht.[14] Diese Agitationskommission war bis zur Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 tätig.
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Danker, Uwe: Die Geburt der Doppelstrategie in der "Roten Hochburg" - Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein 1863-1918, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 31
- ↑ SPD-Ortsverein Elmshorn: 100 Jahre SPD-Ortsverein Elmshorn (Elmshorn 1963)
- ↑ Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 6f
- ↑ Social-Demokrat - Tagesausgabe, 6.10.1869
- ↑ Rüdel, Holger: Ein schwieriger Start. Zur Frühgeschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 77-85
- ↑ Jordan, Jonas: Warum SPD-Gründer Ferdinand Lassalle mit nur 39 Jahren stirbt, vorwaerts.de, 17.4.2023
- ↑ Horsmann, Thomas: Gründung der SDAP: Warum vor 150 Jahren eine zweite Arbeiterpartei entstand, vorwaerts.de, 8.8.2019
- ↑ Rüdel, Holger: Ein schwieriger Start. Zur Frühgeschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schleswig-Holstein, in: Demokratische Geschichte 3(1988), S. 77-85
- ↑ 9,0 9,1 Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 11
- ↑ Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 13
- ↑ Zitiert nach: Osterroth, Franz: 100 Jahre Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein. Ein geschichtlicher Überblick (Kiel o. J. [1963]), Seite 14
- ↑ Die Partei in Schleswig-Holstein, in: Sozialdemokratischer Parteitag Kiel 1927 (Nachdruck Kiel o.O.u.J.), S. ?
- ↑ Herzig, Arno / Baukloh, Sonja: Sozialdemokratie und Sozialistengesetz in Westfalen. In: Herzig, Arno / Linde, Erdmann (Hrsg.): Vor hundert Jahren - Die Arbeiterbewegung in Westfalen und an der Ruhr unter dem Sozialistengesetz. Darstellung und Dokumentation (Selbstverlag des SPD-Parteibezirks Westliches Westfalen, Dortmund 1978)
- ↑ Unter dem Schandgesetz in Schleswig-Holstein, Hamburger Echo, 21.10.1928
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