Ortsverein Büdelsdorf

Aus SPD Geschichtswerkstatt

Der Ortsverein Büdelsdorf ist eine Gliederung im Kreisverband Rendsburg-Eckernförde. Er oder eine Vorgängerorganisation bestand offenbar schon vor 1878.

1878 bis 1918

Das Sozialistengesetz hatte auf die Zustimmung zur Sozialdemokratie in Büdelsdorf kaum Einfluss. Ihr Stimmenanteil bei den sieben Reichstagswahlen zwischen 1878 und 1890 lag zwischen 66,2% und 78,4%. Danach stieg er weiter an und erreichte 1903 mit 84,7% seinen höchsten Stand. Ein Rückgang auf 63,4% war bei der Reichstagswahl 1912 zu verzeichnen. Dies war wohl auf den gescheiterten Streik 1911/12 bei der Carlshütte zurückzuführen.

Solche Ergebnisse waren ohne eine örtliche Organisation nicht denkbar. Diese Organisation war auch die Voraussetzung dafür, dass die Büdelsdorfer Sozialdemokraten kommunalpolitisch aktiv wurden.

Seit 1893 war nach der Preußischen Landgemeindeordnung in Büdelsdorf eine Gemeindevertretung mit 6 Mitgliedern zu wählen. Die Wahl erfolgte nach dem Preußischem Dreiklassenwahlrecht, das Wähler nach ihrer Steuerleistung in drei Klassen einteilte; nur Besitzende waren überhaupt zur Wahl zugelassen.

Bei dieser ersten Wahl entschieden in Büdelsdorf

  • 1 Wähler der Klasse I über 2 Gemeindevertreter
  • 7 Wähler der Klasse II über 2 Gemeindevertreter
  • 163 Wähler der Klasse III über 2 Gemeindevertreter

Obwohl auf der Grundlage dieses Wahlrechts eine angemessene Vertretung nicht möglich war, stellte der Allgemeine Arbeiterverein im Januar 1908 mir einer Eingabe mit 161 Unterschriften den Antrag, die Zahl der Gemeindevertreter auf 9 zu erhöhen, um eine bessere Beteiligung der Gemeindemitglieder an der Verwaltung zu gewährleisten. Die Gemeindevertretung fasste einen entsprechenden Beschluss.

Unklar ist, ob der Allgemeine Arbeiterverein mit einer örtlichen Organisation der SPD gleichgesetzt werden kann. Jedenfalls unterstützten Sozialdemokraten diese Initiative, denn zwei der 1908 in Klasse III gewählten Gemeindevertreter - Johann Kühl und Johann Rohwer - waren nachweislich Mitglieder der SPD und gehörten auch nach 1919 noch dem Gemeinderat an.

Revolution und Verteidigung der Republik 1918 bis 1920

Am 3. November hatte in Kiel der Arbeiter- und Matrosenaufstand begonnen. Am 5. November 1918 übernahm auch in Rendsburg ein Arbeiter- und Soldatenrat die Kontrolle über die Militär- und Zivilverwaltung. Er gab am 7. November bekannt, dass alle Behörden sich bereit erklärt hätten, ihre Geschäfte auch unter der neuen Verwaltung zum Nutzen der Allgemeinheit weiterzuführen. Der Arbeiter- und Soldatenrat, auch Büdelsdorfer Einwohner vertreten waren, rief zu Ruhe und Ordnung auf; es kam zu keinerlei Ausschreitungen.

Für Büdelsdorf wurde ein eigener Arbeiterrat gebildet, dem sechs Arbeiter angehörten. Fünf davon waren Mitglieder der SPD, nämlich

Verwaltung und Selbstverwaltung der Gemeinde erhielten - wie überall - vom Arbeiterrat einen Beigeordneten als Kontrollorgan zugeteilt. Dieses Amt versah zunächst Johannes Thiessen, später der Bürovorsteher Alfred Schmidt.

Am 8. März 1919 wählte auch Büdelsdorf erstmals eine Gemeindevertretung nach dem neuen Wahlrecht; alle Männer und Frauen über 20 Jahre waren in geheimer, gleicher und direkter Wahl wahlberechtigt. Die SPD erreichte 75 % und 9 Sitze - ein eindrucksvolles Ergebnis. Die bisherigen Gemeindevertreter Johann Kühl und Johann Rohwer waren wieder dabei; aus dem Arbeiterrat wurden außerdem Theodor Schröder und Franz Wisser gewählt.[1] Bis zum Ende der Weimarer Republik blieb die SPD in Büdelsdorf die führende politische Kraft, wie die Ergebnisse der Kommunalwahlen zeigen:

Partei 1919 1924 1929 1933
SPD 9 Sitze (75%) 8 Sitze (47%) 11 Sitze (65%) 8 Sitze (47%)
Bürgerliche Liste 2 Sitze (17%) 5 Sitze (29%) 5 Sitze (29%) 2 Sitze (12%)
Angestellten-Liste 1 Sitz (8%) - - -
KPD - 4 Sitze (24%) 1 Sitz (6%) 1 Sitz (6%)
NSDAP - - - 6 Sitze (35%)
Gesamt 12 Sitze 17 Sitze 17 Sitze 17 Sitze

Kapp-Putsch

Am 14. August 1919 trat die Weimarer Verfassung in Kraft. Schon einige Monate später, am 13. März 1920, sollte sie durch den Kapp-Putsch beseitigt werden. Dem Aufruf der SPD und einiger SPD-Minister in der Reichsregierung, ihm mit einem Generalstreik entgegenzutreten, wurde im ganzen Reich gefolgt. Auch in Büdelsdorf wurde vom 15. bis zum Zusammenbruch des Putsches am 18. März 1920 gestreikt.

Am 16. März hielt die von der Streikleitung bestellte Ortswache ein mit einem Offizier und drei Soldaten der Reichswehr besetztes Automobil auf dem Weg zur Rendsburger Garnison auf. Das Auto wurde beschlagnahmt; es gehörte, wie sich später herausstellt, Prinz Heinrich von Preußen.

Die Gemeindevertretung bildete am 18. März eine 200 Mann starke Bürgerwehr unter der Leitung eines Wehrausschusses, bestehend aus Franz Wisser, Friedrich Frahm und Hans Jöhnk. Nach Abwehr des Putsches konnte diese Bürgerwehr aufgelöst werden.

1920 bis 1928

Am 22. November 1919 beschloss die Gemeindevertretung die Satzung der Gemeindesparkasse, die am 1. Mai 1920 in Büdelsdorf ihren Betrieb aufnahm.

Auch in Büdelsdorf gründete sich 1924 zur Abwehr antirepublikanischer Aktivitäten eine Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, die später in der Ortsgruppe Groß–Rendsburg aufging.

Ortsvereinsvorsitzende waren zwischen 1919 und 1933 die Genossen F. Rehmer (Dreher) und H. Gosch (Schlosser). Sie gehörten gleichzeitig der Gemeindevertretung an.

Im Juli 1926 wurde nach Ausscheiden von Herrn Stamer Heinrich Jacobs zum hauptamtlichen Amts- und Gemeindevorsteher gewählt. Mit seiner Wahl begann eine erfolgreiche kommunalpolitische Periode.

Heinrich Jacobs war gelernter Schiffbauer und seit 1919 Redakteur bei der Volkszeitung in Kiel. Bei den Gemeindewahlen im Jahr 1919 wurde er in Kiel zum Stadtverordneten gewählt und 1924 zum Stadtverordnetenvorsteher.

Nach seinem Wechsel nach Büdelsdorf veranlasste er schon im August 1926 die Büdelsdorfer Gemeindevertretung, zur Gründung einer Baugenossenschaft einzuladen, um den Wohnungsmangel zu beheben. Am 3. September 1926 gründeten 80 Bauinteressenten die Gemeinnützige Baugenossenschaft Büdelsdorf eGmbH (heute BGM) und wählten Heinrich Jacobs zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates. Die Baugenossenschaft errichtete bis 1930 mit vielfältiger Unterstützung der Gemeinde 80 Wohnungen in der Heimstraße.

Friedrich-Ebert-Denkmal

In der Ortsgruppe Büdelsdorf des Reichsbanners regte sich 1927 der Wunsch, dem am 28. Februar 1925 verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert ein Denkmal zu setzen. Das Gelände des neu angelegten Sportplatzes am Eiderstrand sollte der Standort sein. Im Laufe der Vorarbeiten mit Architekten- und Künstlerwettbewerb ergab sich dann, dass sich der gesamte Kreis Rendsburg beteiligte.

Die erforderlichen Mittel wurden durch eine Haussammlung, Spenden und unentgeltliche Arbeiten der Reichsbannerkameraden aufgebracht. Die Firmen Ditting, Heinrich Brandt und Heinemann unterstützten die Eigenarbeiten. Am 1. Juli 1928 wurde das Denkmal eingeweiht.

Im Festzug vom Paradeplatz Rendsburg nach Büdelsdorf gingen ca. 4000 Teilnehmer, darunter Mitglieder des Reichsbanners, von Gewerkschaften, demokratischen Parteien und Sportvereinen. Festreden hielten u. a. ein Vertreter der Preußischen Staatsregierung, der Regierungspräsident und der Landrat. Begleitet wurde die Feier durch Spielmannszüge des Reichsbanners und der Sportvereine. 120 Arbeitersänger und -sängerinnen ließen ihre Lieder erschallen.

Die Errichtung des Denkmals zu Ehren von Friedrich Ebert war zugleich ein kraftvolles Bekenntnis der Bevölkerung zur Republik und zur Demokratie. Auf dem Eidervorgelände richtete die Gemeinde einen ca. 3,5 ha großen Sportplatz ein. Er bot eine 400 m-Kampfbahn, ein Übungsfeld für Radfahrer, ein Vorturnerpodium und 400 Tribünenplätze. Er wurde als eine der besten Anlagen dieser Art in der Provinz Schleswig-Holstein angesehen.

Auf dieser neu errichteten Sportanlage fand am 21. und 22. Juli 1928 das Provinzial-Arbeiter-Sportfest Schleswig–Holstein statt.

1928 bis 1932

Die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten sich ab 1928 rapide. Die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen (Arbeitslose, die keine Arbeitslosenunterstützung erhalten) stieg von 22 auf 250 im Jahr 1932 an. Ca. 30% der Büdelsdorfer Einwohner (1523 Personen) lebten in diesem Jahr von Arbeitslosengeld oder Fürsorgemaßnahmen.

Die Arbeiterwohlfahrt errichtete mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde im Frühjahr 1930 an der Eider ein Kinderheim. Das Louise-Schröder-Heim diente von Mai bis September der Kindererholungsfürsorge. Louise Schroeder selbst war für die SPD des öfteren in Büdelsdorf. Im Sommer 1929, so wird berichtet, hielt sie am Friedrich-Ebert-Denkmal eine Rede vor über 1000 Frauen, die dafür sogar aus Kiel angereist kamen.

Im Louise-Schröder-Heim machten jedes Jahr zwischen 60 und 90 von Fürsorgeeinrichtungen ausgesuchte Kinder eine 4- bis 6-wöchige Kur. 28 Kinder konnten gleichzeitig übernachten; sie wurden durch zwei Kindergärtnerinnen und weitere ehrenamtliche Helferinnen der AWO betreut. Die Gelder kamen aus Beihilfen der Gemeinden, des Kreises und der Provinz. Krankenkassen und Wohlfahrtsorganisationen beteiligen sich ebenfalls. Die Küche des Heims diente in den Wintermonaten als Notküche, aus der die AWO täglich bis zu 430 Mittagessen ausgab. Geschäftsleute und Landwirte aus Büdelsdorf, Rickert, Alt-Duvenstedt, Hohn und Jevenstedt unterstützten die Notküche mit Spenden und Sachlieferungen (Kartoffeln, Kohl, Rüben, Getreide).

Am 5. Oktober 1931 verstarb Heinrich Jacobs nach kurzer Krankheit. Er war neben seiner Tätigkeit als Amts- und Gemeindevorsteher Mitglied des Kreistages und des Provinzial–Landtages gewesen, außerdem vieler Organisationen wie Reichsbanner und Gewerkschaft. In nur etwas mehr als 5 Jahren hatte er das Bild der Gemeinde Büdelsdorf durch sozialdemokratische Kommunalpolitik verändert und geprägt. Seine Aktivität im Wohnungsbau wirkte über seinen Tod hinaus.

Am 6. Oktober 1931 wurde im Rahmen einer Brüningschen Notverordnung ein Reichskommissar für Kleinsiedlungswesen bestellt. Seine Aufgabe war es, geeignetes Bauland für Kleinsiedlungen, mit denen Erwerbslose und Kurzarbeiter unterstützt werden konnten, notfalls durch Enteignung zu beschaffen. In Büdelsdorf war seine Tätigkeit nicht erforderlich. Schon im November 1931 begann die Gemeinde mit der Beratung von Interessenten und Baulandbeschaffung für ein Programm vorstädtischer Kleinsiedlungen. Im September 1932 wurde mit der Bebauung von Brandheideweg, Rotdornstrasse und Rosenweg begonnen.

1932 bis zur Entlassung der Gemeindevertreter 1933

Ab 1930 begann gerade in Schleswig-Holstein der Aufstieg der NSDAP. Ein ganz anderes Bild zeigte sich jedoch in Büdelsdorf. Hier trat die NSDAP erst bei den nicht mehr freien Wahlen am 13. März 1933 in Erscheinung, als Grundrechte bereits außer Kraft gesetzt waren. Die Büdelsdorfer SPD blieb auch in der Kommunalwahl 1933 mit 47% der Stimmen und 8 Sitzen stärkste Fraktion. Eine politische Arbeit war aber nicht mehr möglich.

Am 3. Juli 1933 gab der Landrat in Rendsburg das Verbot aller Versammlungen der SPD und ihrer Hilfs- und Ersatzorganisationen bekannt. Am 22. Juli 1933 wurde die Partei reichsweit verboten. In der Gemeindevertretersitzung am 29. Dezember 1933 gab Gemeindevorsteher Drasdo dann bekannt, dass am 1. Januar 1934 das neue Gemeindeverfassungsgesetz in Kraft treten werde. Die gewählten Gemeindevertreter wurden entlassen. Künftig wurde ein Gemeinderat berufen.

Damit war auch in Büdelsdorf der Weg in die Diktatur abgeschlossen.

Rückkehr zur Demokratie ab 1945

Über die Zeit nach dem Ende der NS-Diktatur ist für Büdelsdorf noch nicht viel ermittelt. Jedoch gibt es einzelne Informationen. So erschienen Anfang 1948 in der VZ zwei Nachrufe auf den amtierenden Gemeindedirektor Johannes 'Hanne' Rohwer, der am 8. Februar 1948 mit nur 44 Jahren an einer Gehirnhautentzündung gestorben war.[2] Er war ganz offensichtlich in der Gemeinde hoch angesehen, wie der Bericht von der Beisetzung mit zeittypischem Pathos deutlich macht:

"In tiefer Ergriffenheit folgten dem Sarge viele hundert Menschen. Sie alle trauerten um den aus voller Schaffenskraft mitten aus dem vollen Leben gerissenen Freund und Genossen, den rückhaltlos sich Gebenden und damit Führenden. Sie alle trauern um ihn, weil dieser Mensch noch viel versprach und Großes zu schaffen imstande gewesen wäre, dessen Leben daher nicht erfüllt schien. [...] Wie sehr sein lauterer Charakter und seine schlichte Bereitschaft, sich für die Notleidenden einzusetzen, auch seinen politischen Gegnern Achtung und Ehrfurcht abrang, bezeugten auch die schlichten und warmen Worte des Vertreters der Kommunistischen Partei."[3]

Über ihn wird weiter berichtet, er sei

"am 23. Februar 1903 in Büdelsdorf als Sohn des Tischlermeisters Rohwer[4] geboren. Er hat in Büdelsdorf die Volksschule besucht und wurde auf dem Gemeindebüro in Büdelsdorf in der Verwaltungslehre mit den Anfangsgründen der Kommunalverwaltung vertraut. Bis Anfang 1929 war er als Gemeindesekretär in Tungendorf bei Neumünster tätig. Dann trat er, der sich schon als Jugendlicher dem demokratischen Sozialismus verpflichtet fühlte, in den Journalistenberuf über und übernahm für Neumünster die Berichterstattung für die "Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung". Seine großen kommunalpolitischen Kenntnisse, sein gerader Charakter, seine ruhige Zuverlässigkeit und die Vertrautheit mit der Gedankenwelt und den Sorgen der einfachen Menschen in unserem Lande sicherten ihm auch in dem neuen Beruf gewichtige Aufgaben. Er trat in die Schriftleitung der "Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung" in Kiel ein und hat hier die nächsten Jahre bis zum Verbot und zur Unterdrückung im Jahre 1933 mitgemacht. Verhaftungen blieben ihm nicht erspart. Er hat besonder schwer um die Existenz seiner Familie [er und seine Frau hatten zwei Kinder] kämpfen müssen. 1935 siedelte er nach Württemberg über, kehrte jedoch 1938 in die engere Heimat nach Schenefeld bei Hamburg zurück. Nach dem Zusammenbruch wurde er zunächst Bürgermeister, dann Gemeindedirektor in seinem Heimatort Büdelsdorf, dem er sich so eng verbunden und verpflichtet fühlte, daß er es immer wieder ablehnte, in die größeren Wirkungskreise einzutreten, die man ihm anvertrauen wollte."[5]

Links

Quellen

  1. Die weiteren Gewählten sind bisher - abgesehen von den weiter unten erwähnten OV-Vorsitzenden Rehmer und Gosch - nicht ermittelt.
  2. Johannes Rohwer gestorben, VZ, 10.2.1948
  3. Büdelsdorf trauert um Hanne Rohwer, VZ, 14.2.1948
  4. Also war sein Vater vermutlich der frühere Gemeindevertreter Johann Rohwer.
  5. Johannes Rohwer gestorben, VZ, 10.2.1948